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« Lutte de Classe » (GLAT) - Série complète !
samedi 27 octobre
La couverture chronologique de la revue du GLAT, Lutte de Classe, a été considérablement étendue (premier numéro de mars 1964) et comprend maintenant un renvoi sur une version numérisée des 128 numéros !
Cahiers du Communisme de Conseils - Série complète !
vendredi 26 octobre
Les trois numéros manquant (1, 2 & 5) sont maintenant disponibles dans les sommaires de la revue des Cahiers du Communisme de Conseils. Que les volontaires pour les transcriptions n’hésitent pas à se signaler... En attendant, bonne lecture !
Premiers scans des Cahiers du Communisme de Conseil
dimanche 5 août
Neuf des douze numéros de la revue des Cahiers du Communisme de Conseil (1968-1972) sont maintenant accessible en version numérique au travers du sommaire général.
Derniers numéros de la revue Communisme
dimanche 5 août
Les numéros 6, 8, 9 et 15 qui manquaient jusque là ont été ajoutés au sommaire général de la revue « Communisme » (1937-1939). Bonnes lectures !
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Le sommaire général de la revue du GLAT, Lutte de Classe vient d’être encore étendu. Merci de signaler manques ou corrections.
Sur le Web
Controverses
Revue publiée par le Forum de la Gauche Communiste Internationaliste : C’est pour contribuer à déblayer la voie vers la clarification et le regroupement sur des bases théoriques, politiques et organisationnelles saines que Controverses a vu le jour. En d’autres termes, tout en tenant compte du changement de période qui n’est plus au reflux mais à la reprise historique des combats de classes, notre objectif essentiel est de reprendre ce qui était le souci de Bilan mais qu’il n’a pu mener complètement à bien compte-tenu des conditions d’alors : « ...une critique intense qui visait à rétablir les notions du marxisme dans tous les domaines de la connaissance, de l’économie, de la tactique, de l’organisation », et ce sans « aucun dogme », sans « aucun interdit non plus qu’aucun ostracisme », et « par le souci de déterminer une saine polémique politique ». Ceci est plus que jamais indispensable afin de réussir un nouvel « Octobre 17 » sous peine de se retrouver comme ces « vieux bolcheviks ... qui répètent stupidement une formule apprise par cœur, au lieu d’étudier ce qu’il y avait d’original dans la réalité nouvelle. (extrait de l’éditorial du n°1)
Gavroche - La revue
Le premier numéro de la revue trimestrielle Gavroche est sorti en décembre 1981. Il prenait la suite du Peuple français, belle aventure éditoriale des années soixante-dix. Depuis plus de 20 ans, la revue s’attache à la retranscription des fêtes, des travaux, des luttes et des joies du principal acteur de l’histoire : le peuple. Gavroche fait aussi resurgir des événements jusque-là ignorés ou passés volontairement sous silence.
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Le journal des chefs d’ateliers et ouvriers de la soie à Lyon, hebdomadaire phare de la presse ouvrière, paraît d’octobre 1831 à mai 1834. Ce site en donne à lire l’intégrale des articles, suite à un remarquable travail empreint d’une grande rigueur scientifique. Indispensable pour l’étude des insurrections des canuts de 1831 et 1834.
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Nürnberg (1908) - Vorstandsbericht: Debatte 14. September - Nachmittags Sitzung
Kasse und Presse - Kontrollkommission - Bildungsausschuß und Lokalistenfrage - Mandatsprüfung
15. April 2012 von eric

Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Abgehalten zu Nürnberg vom 13. bis 19. September 1908

S. 222 - 242. Transkription und Nachprüfung: Smolny, 2012

|222| Singer eröffnet um 3 Uhr die Sitzung mit der Mitteilung, daß ein Begrüßungsschreiben von der Freien Jugendorganisation aus Altona eingegangen ist.

Der Antrag 7 ist zurückgezogen mit Rücksicht auf die Erklärung des Berichterstatters, daß seine Annahme die Verhandlungen mit den Lokal, organisierten in Solingen erschweren könnte.

Hieraus wird

der Bericht über Kasse und Presse

entgegengenommen.

Kassierer Gerisch: Nachdem es in den letzten Jahren fast so aussah, als ob wir mit unseren Parteifinanzen dauernd im Zustand der Reichsfinanzen bleiben sollten, ist in diesem Jahre eine Besserung insofern eingetreten, als wir wenigstens nicht mit einem Defizit vor den Parteitag treten. Weit her ist es mit dem erzielten Überschuß ja gerade auch nicht. Daß wir mit einem Überschuß abschließen konnten, verdanken wir in erster Linie unseren Genossen in Hannover, Zwickau und Harburg, die in anerkennenswerter Weise bemüht waren, die Darlehen, die sie für ihre Parteigeschäfte erhalten hatten, möglichst schnell wieder an die Zentralkasse zurückzuzahlen. Im übrigen würde sich unser Abschluß wesentlich besser gestalten, wenn unsere lieben Partei, genossen bei der Berechnung der an die Zentralkasse abzuführenden prozentualen Beiträge nicht immer von einer bedenklichen Schwäche befallen würden, unter deren Einfluß sie sich zugunsten der Lokalkasse und zuungunsten der Zentralkasse verrechnen. [Heiterkeit.] Merkwürdigerweise zeigt sich diese Erscheinnung im Osten und Westen, im Norden und Süden bei den ältesten wie den jüngsten Parteiorganisationen in gleichem Maße. So hat. um aus der Menge dieser Fälle nur das naheliegendste Beispiel herauszugreisen, die Organisation des Wahlkreises, in dem wir tagen, sich um 3000 Mk. zu ungunsten der Parteikasse verrechnet. Sie meinte jedenfalls, daß statt der 20 Proz., die sie statutengemäß abzuliefern verpflichtet war, 12 Proz. auch genügten. [Heiterkeit.]

Die genaue Feststellung der Summe, um die die Parteikasse in dieser Weise zu kurz gekommen ist, läßt sich in diesem Jahre noch nicht machen, weil das Geschäftsjahr der Parteikasse mit der Abrechnungszeit der lokalen Organisationen um einen Monat differiert. Die Parteigenossen des Königreichs Preußen ohne Groß-Berlin haben 20 000 Mk. rund an Beiträgen zu wenig abgeliefert, Bayern 9500 Mk. Das Königreich Sachsen hat über den Pflichtteil hinaus 5300 Mk. mehr an die Parteikasse abgeliefert, Württemberg desgleichen 600 Mk. Bezüglich der badischen Organisation ist leider eine Kontrolle nicht möglich, weil gerade die größte und bei der Berechnung der Beiträge ausschlaggebende Organisation dieses Landes sich dem Berliner Parteivorstand gegenüber Schweigegebot auferlegt hat. [Heiterkeit.] Die betreffenden Parteigenossen meinen wahrscheinlich, der Berliner Parteivorstand kann lange warten, ehe es uns gefällt, ihn in unsere Töpfe gucken zu lassen. [Heiterkeit.] Das Großherzogtum Hessen hat bis auf eine Differenz von 8 Mk. seinen Pflichtteil eingesandt. Von den Kleinstaaten haben Sachsen-Weimar, Sachsen-Meiningen und Reuß ä. L. zusammen 876 Mk. über den Pflichtteil abgeliefert. Die übrigen Kleinstaaten haben zusammen 3500 Mk. zu wenig abgeführt. Bremen hat bis auf eine kleine Differenz ebenfalls den Pflichtteil eingesandt. Für Lübeck ist eine Kontrolle nicht möglich, weil auch diese Genossen Anhänger des Schweigegebots sind. Insgesamt sind mindestens 33 000 Mk. zu wenig an die |223| Parteikasse abgeliefert worden. An die Spitze aller Leistungen haben sich diesmal unsere Hamburger Parteigenossen gestellt, indem sie das 4 1/3 fache des Pflichtteils abgeliefert haben. Sie haben damit sogar noch die Genossen von Groß-Berlin geschlagen, die nur das 2 4/5 fache des Pflichtbeitrages abzuliefern vermochten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, das unsere Genossen von Groß-Berlin ganz gewaltige Aufwendungen für die Provinz Brandenburg machen und das der Landtagswahlkampf des letzten Jahres immense Summen verschlungen hat. Die Genossen der übrigen Organisationen sollten sich jedenfalls Berlin und Hamburg auf diesem Gebiete, soweit es in ihren Kräften steht, zum Muster nehmen, und sich vor allein bei der Abrechnung größerer Korrektheit befleißigen, damit in Zukunft in dieser Beziehung nicht wieder ein Tadel ausgesprochen werden muß.

Die Mitteilungen, die ich nun noch über den Stand der Parteipresse zu machen habe, sind leider nicht entfernt so günstig wie die Angaben, die dem vorigen Parteitag unterbreitet werden konnten. Bei der schweren wirtschaftlichen Krisis, unter der die Arbeiterschaft Deutschlands leidet, dürfte es eigentlich nicht überraschen, wenn die Ergebnisse noch viel ungünstiger wären. Im vorigen Jahre konnten wir einen ungewöhnlich hohen Gewinn von 211 917 neuen Abonnenten der Parteipresse konstatieren. Im abgelaufenen Jahre hat die Parteipresse in den Verbreitungsbezirken, in denen die Krise noch verhältnismäßig milde eingesetzt hat, ebenfalls noch eine Zunahme zu verzeichnen gehabt von insgesamt 45 000 neuen Abonnenten. Dafür haben aber leider eine ganze Reihe anderer Blätter große Verluste an Abonnenten erlitten, so daß insgesamt nur ein Gewinn von 11 582 neuen Abonnenten geblieben ist. Ohne die Abonnenten der „Neuen Zeit" und ohne die Empfänger der in recht hohen Auflagen hergestellten Monatsblätter, aber einschließlich der Abonnenten der „Gleichheit“ hat die Parteipresse gegenwärtig 1 061 289 Abonnenten gegenüber 1 049 707 im Vorjahre. Wir haben also das Errungene nicht nur festgehalten, sondern noch eine bescheidene Zunahme erzielt. Wenn Taufende von Arbeitern im Berichtsjahre ihr Organ mit schwerem Herzen abbestellt haben, so lag das eben an den wirtschaftlichen Verhältnissen. Wenn das leibliche Brot nicht mehr beschafft, der Hunger der Kinder nicht mehr gestillt werden kann, so muß der Proletarier vorübergehend auf die gewohnte geistige Kost verzichten. - Verhältnismäßig günstig sind die Einnahmen der Parteipresse gewesen. Während im Vorjahr bei einem Zuwachs von über 200 000 neuen Abonnenten und einer Gesamteinnahme von 5 962 270 Mk. aus Abonnementsgeldern gegen das voraufgegangene Jahr eine Mehreinnahme von 1 128 810 Mk. konstatiert werden konnte, zeigt das abgelaufene Jahr bei einem Zugang von nur 11 582 neuen Abonnenten eine Einnahme aus Abonnements in Höhe von 6 782 359 Mk. Das bedeutet gegen das Vorjahr ein Mehr von 820 089 Mk. Die ganz ungewöhnlich günstige Ergebnis läßt sich nur so erklären, daß ein hoher Prozentsatz der im Vorjahr gewonnenen neuen Abonnenten nicht bereits ein ganzes Jahr zahlende Abonnenten gewesen sind, sondern erst am Ende des Berichtsjahres neu gewonnen wurden. - Gleich günstig sind die Einnahmen aus Inseraten. Im Vorjahre betrug bei einer Gesamteinnahme von 3 466 539 Mk. aus Inseraten die Zunahme gegen das Vorjahr 595 463 Mk. Im abgelaufenen Jahr betrug die Gesamteinnahme aus Inseraten 4 205 322 Mk. Das ist gegen das Vorjahr ein Mehr von 738 783 Mk. Nun ist freilich zu befürchten, daß die wirtschaftliche Krise noch nicht ihren Höhepunkt hat, ihre schlimmsten Wirkungen vielmehr erst noch kommen und auch unsere Presse hart treffen werden. Das müssen wir eben ertragen. Die meisten der Parteiorgane sind glücklicherweise geschäftlich soweit sicher gestellt, daß sie einen Stoß aushalten können und den Schwächeren, noch in der Entwicklung Begriffenen, muß eben mit Mitteln |224| der Gesamtpartei über die kritische Periode fortgeholfen werden. Die Presse ist unsere wichtigste Waffe im Kampfe gegen den Kapitalismus; für ihre Erhaltung darf kein Opfer zu groß fein. Dann wird der schließliche Erfolg, das verbürgt uns die bisherige Entwicklung, sicher nicht ausbleiben. [Bravo!]

Den Bericht

der Kontrollkommission

erstattet Kaden-Dresden: Die Kontrollkommission hat auch im verflossenen Jahre die ihr zustehenden Arbeiten nach bestem Können erledigt. Sie hat die Prüfung der Geschäfte in Berlin und Stuttgart vorgenommen und alles in bester Ordnung gefunden, so daß ich namens der Kontrollkommission den Parteitag bitte, dem Parteivorstand Decharge zu erteilen. Die uns überwiesenen Beschwerden haben wir einer eingehenden Behandlung unterzogen, um nach bestem Ermessen entscheiden zu können.

Die Kontrollkommission muhte sich auch mit Beschwerden befassen, die nicht in ihr Ressort fielen, die sie aber, um sie zur Erledigung zu bringen, dem Parteivorstand zur Entscheidung überwies. So beschwerte sich Friedrich Höhmann in Richrat bei Velbert, weil er in den sozialdemokratischen Volksverein in Velbert nicht als Mitglied ausgenommen wurde, obgleich er innerlich schon lange zur Partei gehöre. Er glaubte, die Nichtaufnahme sei erfolgt wegen feines Austritts aus dem Metallarbeiterverband. Wir überwiesen diese Beschwerde dem Parteivorstand zur weiteren Behandlung.

In Hagen hatte ein Schiedsgericht den Genossen Apenborn wegen Beteiligung an einem Werkstättenklatsch eine Rüge erteilt. Hiergegen wendet sich Genosse Apenborn. Die Kontrollkommission mußte diese Beschwerde zurückweisen, weil das in Frage kommende Schiedsgericht kein solches war, wie es das Organisationsstatut vorschreibt.

Der Genosse Otto Moritz-Hamburg führte Beschwerde über den Parteivorstand. Der Sachverhalt ist folgender:

Vor ungefähr fünf Jahren fand eine Parteiversammlung des 3. Hamburger Wahlkreises statt, worin einige derbe Worte fielen, die zur Klage führten. Genosse Moritz ist nun der Ansicht, daß der Genosse Schmelzmeher dis gefallenen Worte nicht richtig wiedergegeben habe und er dadurch im Nachteil gekommen sei. Moritz stellte darauf an den Vorstand des 3. Wahlkreises den Antrag, den Genossen Schmelzmeher aus der Partei auszuschließen. Der Vorstand hat den Antrag Moritz abgelehnt.

Moritz ist nun der Ansicht, sein Antrag hätte vom Vorstand einer der nächsten Mitgliederversammlungen vorgelegt werden müssen. Da dies nicht erfolgt ist, verlangt Moritz vom Parteivorstand eine Untersuchung der Angelegenheit und die Feststellung des genauen Inhalts der damals gehaltenen Reden. Der Parteivorstand sah sich außerstande, diesem Verlangen nachzukomwen und lehnte ebenso das Verlangen der Herausgabe eines von Moritz an den Vorsitzenden des 3. Wahlkreises gerichteten Brieses und die Beschwerde des Genossen Moritz ab. Die Kontrollkommission konnte nach genauer Prüfung des vorgelegten reichlichen Aktenmaterials dem Parteivorstand nur beipflichten und die Beschwerde des Genossen Moritz ablehnen. Die Kontrollkommission möchte deshalb beim Parteitag anregen, ob bei einer eventuellen Revision des Parteistatuts die Frage der Verjährung nicht in Erwägung gezogen werden sollte.

Der Genosse Keiling erregte durch seine Handlungsweise, indem er den Genossen Schaub als Berichterstatter von Büdesheim denunziert hatte, sowie durch seine Teilnahme als Turner an einer Ovation, welche dem Grasen Oriola vor seinen Schlosse gebracht wurde, das Mißtrauen der dortigen Parteigenossen. |225| Deshalb ist Keiling aus dem Wahlvercin des Wahlkreises Friedberg-Büdingen ausgeschlossen worden. Das angerufene Schiedsgericht gab dem Keiling eine scharfe Rüge und hob den Ausschluß aus der Partei auf, schloß Keiling aber aus dem Wahlverein aus. Gegen diesen Schiedsspruch wandte sich der Wahlverein mit der Begründung, daß es nicht zweierlei Mitglieder geben könne.

Die Kontrollkommission erachtete die Beschwerde des Wahlvereins für berechtigt, hob den Beschluß des Schiedsgerichts auf und schloß den Keiling ans der Partei ans.

Der Genosse Karl Schröder, Zimmerer in Düsseldorf, wurde wegen Streikbruch (Zusammenarbeiten mit Streikbrechern) ans der Partei ausgeschlossen. Dagegen legte er Berufung ein. Schröder ist Polier, ihm wurde gestattet, bei der Arbeit zu verbleiben, jedoch mit Streikbrechern nicht zusammen zu arbeiten. Dies war jedoch nicht zu verhüten. Schröder erhielt bei seiner Anfrage, wie er sich zu verhalten habe, vom Hauptvorstand in Hamburg keine Auskunft.

Es fehlen im wesentlichen der Wortlaut des Ausschlußantrages sowie die Daten über den Verlauf des Streiks. Bei dieser unklaren Sachlage konnte Streikbruch nicht festgestellt werden, die Kontrollkommission hat deshalb daß Urteil des Schiedsgerichts aufgehoben.

Durch Urteil des Schiedsgerichts wurde der Tischlermeister Genosse H. Beege-Berlin aus der Partei ausgeschlossen. Im Vorjahr lies der zwischen dem Holzarbeiterverband und den organisierten Unternehmern abgeschlossene Tarif ab, die Tischler traten in eine Lohnbewegung und erstrebten zugleich eine Verkürzung der Arbeitszeit. Die Unternehmer aber lehnten die Forderungen ab und beschlossen, vor Ablauf des Tarifes die Arbeiter auszusperren. Beege, welcher dem Verein Berliner Tischlermeister angehörte, sperrte seine Leute ebenfalls aus und erklärte, daß er in ähnlichen Fällen ebenso handeln würde. Die Kontrollkommission konnte sich dem Urteil des Schiedsgerichts nur anschließen.

Martin Szymanski in Ilmenau wurde auf Antrag des dortigen Sozialdemokratischen Vereins durch ein Schiedsgericht aus der Partei ausgeschlossen. Er hatte unserem Genossen, der Gemeindevertreter war, Mitteilungen über Lohnkürzungen der städtischen Arbeiter gemacht, und dieser hatte seiner Ansicht nach die Sache im Gemeinderat nicht richtig vertreten und ihn als Gewährsmann genannt. Darüber war Szymanski erbost und verlangte sein Schreiben zurück. Da es ihm nicht wiedergegeben wurde, klagte er auf Herausgabe, wurde aber abgewiesen. Das Schiedsgericht erachtete ihn für unwürdig und sprach ihm die Parteimitgliedschaft ab. Die Kontrollkommission hat dies Urteil aufgehoben.

Die Schriftsetzer Bayer und Clauder vom Sonneberger „Volksfreund“ waren mit der Druckerei in Differenzen geraten und entlassen worden. Zu ihrer Rechtfertigung benutzten sie ein bürgerliches Blatt. Das Schiedsgericht erblickte hierin mit 5 gegen 2 Stimmen eine ehrlose Handlung, und mit 4 gegen 3 Stimmen wurde der Ausschluß vollzogen. Die Kontrollkommission konnte auf eine materielle Prüfung des Falles verzichten, da sie dem materiellen Einspruch des Beschwerdeführers über die Befangenheit der Schiedsrichter stattgab. In dem Schiedsgericht haben die drei Kläger bezw. angegriffenen Angestellten des „Volksfreund“ als Schiedsrichter gesessen. Eine solche Zusammensetzung eines Gerichtshofes widerspricht den elementarsten Grundsätzen einer unbefangenen Rechtsprechung. Die Kontrollkommission hob das Urteil auf.

|226| Der letzte Fall endlich betrifft den Zimmerpolier Rudolf, der des Streikbruchs beschuldigt wurde, da er während eines Streiks der Bauarbeiter Lehrlingsarbeit beaufsichtigt und geleitet hatte. Ein Schiedsgericht lehnte den Antrag auf Ausschluß aus der Partei ab und erteilte Rudolf nur eine Rüge: weil sein Verhalten nicht einwandfrei war. Die Kontrollkommission hat das Urteil aufgehoben, sie erblickte in der Handlungsweise Rudolfs einen Streikbruch und stimmte deshalb dem Ausschlußantrage zu.

Schließlich habe ich noch eine traurige Pflicht zu erfüllen. Auch in diesem Jahre hat der Tod wieder einen treuen Genossen aus den Reihen der Kontrollkommission gerissen, Franz Joses Ehrhart. [Die Mitglieder des Parteitages erheben sich von den Plätzen.] Jahrelang war Ehrhart uns ein treuer Mitarbeiter, wir werden stets in Ehren seiner gedenken. [Beifall.]

Diskussion zum Geschäftsbericht.

Haase-Königsberg beantragt, sämtliche Anträge über die Jugendorganisation (Anträge 26-50 und die auf der Frauenkonferenz dazu gefaßten Leitsätze) einer 17gliedrigen Kommission zu überweisen, deren Bericht an das Plenum dann die Grundlage der Diskussion sein soll. Der Parteisekretär Müller habe der Resolution des Parteivorstandes eine Auslegung gegeben, die vielfach von der sehr vieler Genossen abweiche. Dies erfordere eine genaue Prüfung des Materials und diese sei um so notwendiger wegen des neuen Vereinsgesetzes.

Der Parteitag stimmt dem zu. In die Kommission für die Jugendorganisation werden gewählt: Brandler-Bremen, Dr. Frank-Mannheim, Grunwald-Mühlhausen, Haase-Königsberg, H. Müller-Berlin, Müller-Köln, Ritter-Ruppin-Templin, Rudolf-Frankfurt, Sänger-München, Scheib-Leipzig, Robert Schmidt-Berlin, Heinrich Schulz-Berlin, Stolten-Hamburg, Wels-Berlin, Westmeyer-Stuttgart, Klara Zetkin-Stuttgart, Luise Zietz-Hamburg.

Singer: Um falsche Auslegungen für die Zukunft zu verhüten, stelle ich fest, daß wenn auch Müller in die Kommission gewählt ist, damit nicht ausgesprochen werden kann, daß der Parteivorstand zur Teilnahme an solchen Kommissionen nur dann berechtigt ist, wenn ausdrücklich eines seiner Mitglieder von dem Parteitag hineingewählt ist. Ich nehme an, daß es Überzeugung des Parteitages ist, daß dem Vorstand an sich das Recht zusteht, in solchen Kommissionen die Meinung des Parteivorstandes zu vertreten. [Zustimmung.]

Von den zum Geschäftsbericht vorliegenden Anträgen werden unterstützt: Zum Punkt Bildungsausschuß die Anträge 53 und 54, zur Lokalistenfrage die Anträge 6 und 130; zum Punkt Frauenorganisation, der gesondert diskutiert werden wird, die Anträge 21 bis 24, 125 und 127. Nicht unterstützt werden die Anträge 25 und 52.

Allgemeines, Presse, Bildungsausschuß und Lokalistenfrage.

Leinert-Hannover: In seinem schriftlichen Bericht sagt der Parteivorstand: „Die Kosten für die Agitationskalender wurden wieder für einige Bezirke ganz oder zum Teil von uns getragen, so u. a. für Ost- und Westpreußen, Pommern, Mecklenburg, Posen, Schlesien, Hessen-Nassau, Rheinprovinz.“ Wir haben deshalb auch ein Recht, hier über diese Kalender ein Wort zu reden, und zwar sind ein unerträglicher Mißstand die beigegebenen Inserate. Der Vom Parteivorstand herausgegebene ostpreußische Kalender enthält eine Unmasse von Inseraten [Hört! hört!], die allmählich anderen Bezirken angeboten werden, und die bei weiterer Verbreitung ein öffentlicher Skandal für die |227| Partei zu werden drohen, und die wir auf dem Lande zur Agitation unmöglich verwenden können. Da sind Inserate drinnen: „Wir verschenken 100 000 Musikinstrumente“, das ist schon kein Inserat für den Kalender. Von der Solinger Stahlindustrie: Zu Weihnachten Glockengeläute mit Posaunenchor der Geburt Christi usw. Teilweise sind Inserate aus dem Auslände in dem Kalender enthalten. Inserate, vom Parteivorstand unterstützt, die in der Parteipresse als Schwindelinserate bezeichnet werden. Dann Kalender mit lauter Inseraten von Gastwirten; das ist doch keine Ausführung der Essener Alkoholresolution: wir wollen doch dem Landarbeiter etwas Gutes bringen, und fällt er nun auf solche ausländische Inserate hinein, so agitieren wir direkt gegen uns.

In diesem Jahre wurde von einem Parteigenossen ein verlockendes Angebot für Inserate gemacht; und es besteht die Gefahr, daß wir allmählich die Kalender so ausstatten, das; sie ihren Zweck vollständig verfehlen. Wir müssen beschließen, daß der Parteivorstand Kalender mit Inseraten nicht unterstützen darf, sonst kommen wir schließlich noch zu Flugblättern mit Inseraten. Wir haben auf früheren Parteitagen uns mit einem aus dem Brandenburgischen stammenden Antrag beschäftigt, der die Förderung der antimilitaristischen Agitation verlangt. Wie wird diese Idee nun in der Agitation gefördert? In dem Brandenburgischen Kalender, dem Märkischen Landboten von 1908 [Hört! hört!], steht fett gedruckt: Die Schlacht bei Sedan mit Musik, Hurrarufen und Gebet und viele tausend andere Märsche usw. bringen meine sehr laut und deutlich sprechenden Sprechapparate. Ist denn das die Vertretung der Ideen, die man hier so oft gerade aus der Mark Brandenburg auf dem Parteitag durchzubringen sucht. Da sagt man doch: Genossen! Wir machen antimilitaristische Agitation, aber kaust diese Musikapparate, dann habt ihr die Schlacht bei Sedan mit Gebet und Hurrarufen. [Heiterkeit.] Dieser Zustand der Inserate ist genau so auch im „Wahren Jakob“. Wir sind doch in der Partei so weit, daß wir nicht nötig haben, unsere Agitation uns durch Inserate bezahlen zu lassen. Es ist nötig, daß die Agitationsmittel für die Landbewohner, die wir für uns gewinnen wollen, nicht geschäftlichen Interessen dienen. [Beifall.]

Singer teilt mit, daß der Antrag 23 zurückgezogen ist.

Eisner-Nürnberg: Der Referent des Bildungsausschusses, Genosse Schulz, hat einige Bemerkungen über die gegenwärtig mit Recht so beliebte „Fränkische Tagespost“ gemacht, die mir Anlaß geben, einige sachliche Ausführungen über die Bildungsfrage zu machen. Ich bin in diese Diskussion wider meinen Willen hineingezogen worden. Eine beiläufige Bemerkung in der Nürnberger Parteitagsversammlung, in der ich besonders betonte, daß ich nicht der Meinung wäre, daß man einen Antrag über die Parteischule einbringen solle, ist in die Presse gekommen und hat in der Folge zu einer Diskussion Anlaß gegeben. Ich halte die Frage der Parteischule in der Tat noch nicht für reif, glaube aber, daß sie in kurzer Zeit reif werden wird. Bis dahin können wir die eingehende Erörterung dieser Frage vertagen. Ich meine, die Parteischule ist schon heute in einer sehr erfreulichen Umwandlung begriffen. Sie verdankt ihre Entstehung - das wird zwar jetzt geleugnet, ist aber dennoch wahr - dem Mangel an geistigen Kräften in der Partei. Man hat also durch die Parteischule den Wunsch erfüllen wollen, mehr Redakteure, mehr Arbeitersekretäre usw. zu gewinnen. Im ersten Semester wurde die Sache auch so gemacht. Da hat man die Parteigenossen aus der Arbeit herausgerissen und hat sie in Berlin ausgebildet. Jetzt ist man schon zu einer verständigeren Auffassung gekommen. Jetzt bildet man Parteifunktionäre aus. Man gibt einigen Parteigenossen unter großen Opfern die Möglichkeit, sich ein halbes |228| Jahr wissenschaftlich unterrichten zu lassen. Dagegen läßt sich im Grunde wenig sagen, wenn die Opfer den Ertrag wert sind. Ich sehe in einer solchen halbjährigen Bildung vor allem den Vorteil, daß eine Anzahl von Parteigenossen Ehrfurcht vor der Wissenschaft erlangen; denn mit dieser Ehrfurcht entwickelt sich auch die geistige Bescheidenheit. Je mehr der Mensch weiß, desto mehr ist er überzeugt, wie wenig er eigentlich weiß. [Sehr richtig!] Ich sehe also in der Parteischule wesentlich den Wert, das die an ihr unterrichteten Parteigenossen dem häufig herrschenden Mißbrauch nicht verfallen, daß jemand, der ein wissenschaftliches Buch gelesen hat, am Abend sich schon hinstellt und einen wissenschaftlichen Vortrag hält. [Sehr gut!] Die Parteischule hat den Zweck und nur den Zweck, bei einigen Parteigenossen die Möglichkeit zur Weiterbildung zu geben, und wenn die 30 Parteischüler in jedem Winter Genies gleich Karl Marx wären, so würden sie doch nicht die Möglichkeit haben, als vollendete Lehrer aufzutreten. Ich würde es bedauern, wenn es wahr wäre, was Schulz zu meinen scheint, daß die Parteischule dazu berufen ist, wissenschaftliche Lehrer auf die Provinz loszulassen. Wenn das erreicht wird, dann sollte man diese Schüler, die in einem halben Jahre so glänzende Resultate geben, lieber gleich an der Parteischule zu Lehrern machen. Wenn man liest, daß Parteischüler, die eben ein halbes Jahr Unterricht genossen haben, dann sofort einen Zyklus von 20 und einigen Vorträgen über die Werttheorie halten, so glaube ich, liegt darin nicht die genügende Hochschätzung vor der Schwierigkeit der Wissenschaft und vor allem nicht die genügende Achtung vor dem Lehrerberuf im Proletariat. [Sehr gut!] Ich bin überzeugt, alte Parteigenossen, wie Bebel, Singer, Segitz, die ein mühseliges Leben der wissenschaftlichen Durchbildung hinter sich haben, würden heute nicht den Mut haben, über diese schwierigste Nationalökonomische Frage vor Arbeitern einen Zyklus von 20 Vorträgen zu halten. Die Parteischule soll Schüler ausbilden, aber zwischen einem Schüler und einem Lehrer ist ein großer Unterschied. Wenn auf der Parteischule Lehrer mit Hohenzollernscher Schnellreise erzeugt werden sollten [Heiterkeit.], so bedauere ich die Partei, die von solchen Lehrern unterrichtet werden soll. Das steht in dem ausgezeichneten Artikel, von dem ich wünschte, daß er zur Grundlage der Diskussion überall da gemacht wird, wo Bildungsbestrebungen im Gange sind, den Genosse Maurenbrecher in der „Fränkischen Tagespost“ geschrieben hat. [Lachen.] Man sagt: es gibt eigentlich keinen so großen Unterschied zwischen Lehrern und Schülern. Gewiß, ce ist ein altes Wort, daß der Lehrer vom Schüler wie der Schüler vom Lehrer lernt. Aber um Volksschullehrer zu werden, um bloß die Elementarkenntnisse des Lesens und Schreibens den Kindern beizubringen, gehört eine außerordentlich große und umfangreiche Vorbildung. Lehrer, wie wir sie brauchen - ich rede gar nicht davon, ob akademische oder nicht akademische Vorbildung vorhanden ist -, wachsen nicht in einem halben Jahre, sie erwachsen aus einem Leben der Arbeit und nur der Arbeit, sie fallen nicht vom Baum, sie müssen sich entwickeln. Der Genosse Maurenbrecher, der jetzt Lehrer in unserem Bezirk Nordbayern ist, hat die unmaßgebliche Meinung ausgesprochen, daß man in der Massenbildung nicht mit den schwierigsten theoretischen Problemen ansangen soll, sondern von unten einheitlich aufbauen soll. Der Genosse Schulz ist, soviel ich weiß, Lehrer an der Parteischule. Eine der ersten Aufgaben eines Schülers liegt darin, daß er lernt, Gedrucktes und Gelesenes richtig aufzufassen. Wenn man das von einem Schüler verlangt, so meine ich, müßte man es auch von einem Lehrer verlangen. [Sehr gut! und Unruhe.] Es müßte denn sein, daß es umgekehrt, wie Genosse Maurenbrecher meint, Dogma wird, daß zwar der Schüler etwas von materialistischer Geschichtsauffassung und historischer Dialektik wissen muß, aber nicht der Lehrer. Maurenbrecher ist der Meinung, |229| daß der Schüler anfangen muß mit dem Unterricht in den Tatsachen, mit der Kenntnis der großen Entwicklungslinien der Menschheit, mit der unmittelbaren lebendigen Anschauung. Wenn Sie einmal ältere Programme unserer Arbeiterbildungsschule in Leipzig, zur Zeit als Liebknecht noch Lehrer war, durchsetzen, so werden Sie finden, daß er ungefähr dieselben Themata behandelt hat, wie es hier Maurenbrecher für die Massenbildung Vorschlägt. Es scheint mir in der Tat eine Gefahr zu sein, daß man mit den schwierigsten theoretischen Problemen anfängt, anstatt erst einmal mit den Stoffen des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens zu beginnen. Es ist gewiß viel leichter, gewisse dialektische Formen zu begreifen als die große stoffliche Anhäufung zu beherrschen. [Die Redezeit ist abgelaufen.] Ich muß schließen. Ich will nur noch sagen: es liegt in dem Artikel Maurenbrechers keine Verachtung der Theorie, sondern eine Hochschätzung der Theorie, die darin besteht, daß man es eben nicht für möglich hält, wie Genosse Schulz, von vornherein die große Masse mit den schwierigsten ökonomischen Problemen zu beschäftigen, sondern daß man, wie wir im Gau Nordbayern es tun, einen mächtigen Unterbau elementarer Kenntnisse verbreiten und auf deren Grundlage dann die theoretische Weiterbildung vollziehen wollen. [Beifall, Zischen, erneuter Beifall.]

Lehmann-Mannheim vermißt in dem Bericht nähere Angaben über die Verbreitung der Unterhaltungsliteratur der Partei und bedauert, daß die Satire in der Parteipresse zu wenig Beachtung findet. Früher haben wir uns auf mehreren hintereinander folgenden Parteitagen mit der Beilage „Neue Welt“ beschäftigt und haben allseitig ihren Inhalt kritisiert. Das scheint geholfen zu haben; man scheint heute mit dem Inhalt des Blattes zufrieden zu fein. Vielleicht hilft häufigere Kritik auch beim „Wahren Jakob“. Der „Wahre Jakob“ bietet nach meinem Dafürhalten nicht das, was er bieten sollte. Er wird daher auch in der Parteipresse sehr selten zitiert, viel seltener als Gottlieb im „Tag“ oder der „Simplizissimus“. In der Tat ist er heute mehr ein Familienblatt geworden, er ist nicht das satirische Blatt, das mit scharfer Karikatur die Dinge kennzeichnet. Auch hat man bei den Karikaturen häufig den Eindruck, als habe der Zeichner weder die betreffende Person gesehen noch auch eine halbwegs gute Photographie. In dieser Beziehung könnte besseres geleistet werden.

Stubbe-Hamburg befürwortet den Antrag 130. Wenn wir mit den lokalen Gewerkschaften fertig werden wollen, müssen wir gegen alle lokalistischen Organisationen Stellung nehmen. In Hamburg gibt es zum Beispiel außer der freien Vereinigung lokalistische Organisationen der Bauhilfsarbeiter mit zirka 800 Mitgliedern, der Hausdiener und Kontorboten mit 1400 Mitgliedern und die bekannten Akkordmaurer mit 400 Mitgliedern. Alle unsere Bemühungen, uns mit ihnen über eine Vereinigung zu verständigen, sind erfolglos geblieben und die Führer der Gewerkschaften werden von diesen mit Schmutz beworfen. Wir müssen auch daran denken, daß Neubildungen lokalistischer Organisationen außerhalb der freien Vereinigung stattfinden können. Auch wenn in Solingen die Verhandlungen zu keinem Erfolge führen, würden die Betreffenden unter unseren Antrag fallen. Mit der Klage über die Inserate im Kalender haben die Genossen in Hannover durchaus recht. Arbeiter, die auf solche Inserate hereinfallen und betrogen werden, schieben dann der Sozialdemokratie häufig die Schuld zu. Es trifft auch nicht zu, daß so hohe Einnahmen durch die Annoncen erzielt werden; man vergißt die Satz- und Papierkosten. - Was den Vorstandsbericht im allgemeinen anbetrifft, so habe ich die Beobachtung gemacht, daß das Zusammenarbeiten des Parteivorstandes mit den örtlichen Funktionären ein besseres werden müßte. In |230| wichtigen Fragen gehen die Informationen vom Parteivorstand oft recht spät ein. Ich erinnere an die Maifeier und auch daran, daß der Organisationsentwurf zur Frauenorganisation uns erst viel später zuging, als der vertrauliche Entwurf in der „Gleichheit“ veröffentlicht war. Bei wichtigen Fragen sollten zuweilen auch Konferenzen mit den einzelnen Sekretären stattfinden, wie das in der Gewerkschaftsbewegung der Fall ist. Wenn in Fragen wie der Maifeier vorher mit den örtlichen Funktionären eine Verständigung stattfindet, wird es viel leichter sein, die Beschlüsse in den örtlichen Organisationen zur Annahme zu bringen. Auch muß der Parteivorstand versuchen, mehr Fühlung mit den örtlichen Organisationen zu bekommen dadurch, daß er mehr an den Provinzkonferenzen und Landesversammlungen teilnimmt, wie zs zum Teil ja geschieht. Tann werden Reibereien und Mißverständnisse sich leichter vermeiden lassen. In der Parteipresse werden vielfach Meinungen vertreten, die nur von den Redakteuren ausgehen und sich mit der Meinung der Parteigenossen nicht decken. Auch aus diesem Grunde ist es besser, wenn der Parteivorstand immer in Fühlung mit den örtlichen Organisationen steht.

Rosa Luxemburg-Berlin: Wenn ich das Wort ergreife, so nicht, um gegen die Kritik an der Parteischule zu protestieren, sondern im Gegenteil, um mich zu beklagen über den Mangel einer ernsten sachlichen Kritik. Die Parteischule ist ein neues und sehr wichtiges Institut, das von allen Seiten ernsthaft gewürdigt und kritisiert werden muß. Ich muß selbst bekennen, daß ich von Anfang an der Gründung der Parteischule mit größtem Mißtrauen begegnet bin, einerseits aus angeborenem Konservatismus [Heiterkeit.], andererseits, weil ich mir im stillen Kämmerlein meines Herzens sagte, eine Partei, wie die sozialdemokratische, muß ihre Agitation mehr auf eine direkte Massenwirkung einrichten. Meine Tätigkeit an der Parteischule hat diesen Zweifel zu einem großen Teil gehoben. In der Schule selbst, in einem stetigen Kontakt mit den Parteischülern habe ich gelernt, das neue Institut zu schätzen, und ich kann aus vollster Überzeugung sagen: Ich habe das Gefühl, wir haben damit etwas Neues geschaffen, dessen Wirkungen wir noch nicht überblicken können, aber wie haben etwas Gutes damit geschaffen, das der Partei Nutzen und Segen bringen wird. Allerdings ist noch manches zu kritisieren, und es wäre ein Wunder, wenn das nicht der Fall wäre. Wenn ich auch die Anregung auf eine Änderung in der Auswahl der Schüler ablehne - denn wir haben als Lehrer die Erfahrung gemacht, daß die bisherigen Resultate ausgezeichnet sind, so daß ich mir ein besseres Elitekorps gar nicht wünschen möchte -, so finde ich doch einiges an dem Lehrplan auszusetzen. In dem Lehrplan müßte mit an erster Stelle die Geschichte des internationalen Sozialismus stehen. [Sehr richtig!] Auch die Wanderlehrer des Bildungsausschusses sollten diese Frage mehr würdigen, anstatt sich nur auf nationalökonomische Lehren zu beschränken. Die Geschichte des Sozialismus ist in knapper Form viel leichter darzulegen, ohne daß der Gegenstand darunter leidet, als die Nationalökonomie. Die Geschichte des Sozialismus ist für uns als Kampfpartei die Lebensschule. Wir empfangen daraus immer neue Anregungen. [Sehr richtig!] Die Schule krankt ferner daran, daß das Verhältnis der Parteiorganisationen zu ihren Schülern nicht das richtige ist; es müßte von Grund aus umgestaltet werden. Es kann jetzt Vorkommen, daß Parteiorganisationen Schüler in die Schule schicken, wie den Sündenbock in die Wüste, um sich nachher nicht mehr darum zu kümmern, was aus ihnen wird [Sehr richtig!], ohne ihnen einen genügenden Wirkungskreis zur Verfügung zu stellen. Allerdings besteht auf der anderen Seite auch die Gefahr, daß an die Parteischüler, wenn sie einen Posten haben, gar zu große Anforderungen seitens der Genossen gestellt werden. [Sehr richtig!] Die Genossen werden sagen: Du warst an der Parteischule, nun zeige einmal stündlich |231| und auf jeder Stelle, was du gelernt hast? Solche Hoffnungen werden die Parteischüler nicht erfüllen können. Wir haben uns bemüht, ihnen von erster bis zu letzter Stunde klarzumachen, daß sie noch kein fertiges Wissen haben, daß sie noch weiterlernen, das sie ihr ganzes Leben lang lernen müssen. Wenn auch die Parteischüler später Gelegenheit bekommen müssen, das Gelernte nutzbringend zu verwerten, so muß man andererseits doch auch dies berücksichtigen. Also es gibt ernste Gesichtspunkte genug, um die Frage der Parteischule nach allen Seiten hin zu kritisieren. Aber solche Kritik, wie sie Eisner übt, ist nicht angebracht. Eisner hat eine so große Ehrfurcht vor der Wissenschaft, daß mir davor bange wird; ich fürchte, der Wissenschaft im allgemeinen und besonders der sozialistischen Wissenschaft bei Eisner geht es so wie dem armen Klopstock, auf den Lessing die geflügelten Worte sagt:

„Wer wird nicht unfern Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? Nein.
Wir wollen weniger erhoben
Und flcihiger gelesen sein."

[Heiterkeit.] Ein weiterer Beweis, wie leichtfertig die Kritik von Eisner ist, ist das Beispiel, daß er uns als strahlendes Gegenstück zu der Parteischule entgegengehalten hat den Nürnberger Trichter [Heiterkeit.], den man sich hier geschaffen hat in Gestalt des Genossen Maurenbrecher. Maurenbrecher soll als einziger Lehrer hier dem Proletariat die gesamte Bildung übermitteln. Sein Glaubensbekenntnis hat er in einem, wie Eisner meint, ausgezeichneten Artikel in der „Fränkischen Tagespost“ niedergelegt, worin es heißt: „Wir treiben zuviel Theorie! Muß die Masse die Werttheorie kennen? [Hört! hört!] Muß die Masse wissen, was materialistische Geschichtsauffassung ist? Ich wage die Ketzerei und sage: neinl Der Lehrer muß das wissen“ - um es in der Tasche zu behalten. (Eisner: Nein, das steht nicht da, das haben Sie zugesetzt!) Natürlich, das habe ich zugesetzt. „Aber für die Massenbildung hat das alles direkt keinen Wert, kann höchstens schaden.“ Das habe ich nicht hinzugefügt, das hat Maurenbrecher gesagt. [Hört! hört!] Und weiter sagt er: „Die Theorie ist in ihrer zwar unbeabsichtigten, aber doch sehr häufig vorhandenen Wirkung oft geradezu eine Ertötung der Kraft zum Entschluß und zum Handeln.“ Die materialistische Geschichtsauffassung, die 40 Jahre einer glänzenden Entfaltung des Klassenkampfes in Deutschland und der Welt geschaffen hat, jene Theorie von Marx und Engels, die dem russischen Proletariat vorangeleuchtet hat in der größten Tat des Anfanges des Jahrhunderts, in der russischen Revolution, soll die Kraft zum Entschluß und zum Handeln ertöten! [Hört! hört!] Aber Eisner, Maurenbrecher und andere urteilen nach sich selbst, sie glauben, auf sie wirkt die materialistische Geschichtsausfassung, wie sie sie verstehen, in der Weise, daß sie ihre Tatkraft lähmt, und deshalb wünschen sie, daß auf der Parteischule nicht Theorie, sondern hauptsächlich der Stoff gelehrt wird, die stoffliche Seite des Lebens. Sie haben gar keine Ahnung davon, daß das Proletariat den Stoff aus dem täglichen Leben kennt, das Proletariat kennt „den Stoff“ besser als Eisner. [Lebhafte Zustimmung.] Was der Masse nottut, ist die allgemeine Aufklärung, die Theorie, die uns die Möglichkeit gibt, den Stoff zu systematisieren und zu einer tödlichen Waffe gegen die Gegner zu schmieden. [Lebhafte Zustimmung.] Wenn mich irgend etwas überzeugt hat von der Notwendigkeit der Parteischule, der Verbreitung des Verständnisses für die sozialistische Theorie in unseren Reihen, so ist es die Kritik von Eisner. [Lebhafter Beifall.]

Knauer-Sonneverg: Die Masse der Parteigenossen, die ja in der Hauptsache eine schlechte Volksschule besucht hat, kann die Errichtung der Parteischule |232| nur mit Freuden begrüßen. Die Kontrollierung der Parteigeschäfte ist sehr notwendig. Daß das Parteiblatt für Königsberg Jahr für Jahr 17 000 Mk. verschlingt, damit kann es nicht so weiter gehen. Die Sonneberger Parteigenossen haben ihre Presse aus eigener Kraft gegründet und erhalten dieselbe auch ohne jeden Zuschuß. - Die Parteipresse muß den Verhältnissen des Bezirks angepaßt werden; die Mittel brauchen wir zur Agitation. In einer großen Reihe von Wahlkreisen fehlt es an den nötigen Mitteln zur Agitation, so unter anderem in Meiningen I. Eine Anzahl Parteigeschäfte müßten wie der „Vorwärts“ ihre Überschüsse der Partei zur Verfügung stellen. Was den Bericht der Kontrollkommission anlangt, so darf doch nicht jemand aus formalen Gründen recht bekommen, der absolut im Unrecht ist. Wie darf man zulassen, daß jemand zur bürgerlichen Presse läuft und die eigene Parteipresse herunterreißt.

Braun-Königsberg: Die außerordentlich absprechende Kritik Leinerts am ostpreußischen Kalender, mit dem wir unter den größten Mühen gegen skrupellose Gegner und nicht ohne Erfolg seit 10 Jahren arbeiten, hätten wir nicht erwartet, glauben sie auch nicht verdient zu haben. Die Inserate unseres Kalenders geben ihm kein Recht, von einem Skandal für die Partei zu sprechen. Wir haben doch die Inserate nicht ausgenommen, um Musikinstrumente und böhmische Bettfedern zu empfehlen, sondern um dem Parteivorstand die Tragung der Kosten für den Kalender zu erleichtern und den Kalender selbst möglichst umfangreich zu gestalten. Es leiteten uns dieselben Motive, von denen sich alle Zeitungsverlage unserer Partei leiten lassen, wenn sie Inserate in ihren Blättern veröffentlichen. Schwindelinserate haben wir stets zurückgewiesen und ich bestreite, daß der von Leinert so unerhört scharf verurteilte Kalender für 1908 solche enthält. Und dann noch eins: Leinert ist bereits seit einem Jahr im Besitz des Kalenders. Riefen die Inserate so gewaltige Entrüstung bei ihm hervor, dann hätte er längst Gelegenheit gehabt, die beim Vorstände oder auch bei mir, bei unserem Zusammensein in Berlin anzubringen. Auch hätte er viel eher Anlaß gehabt, sich über Kalender zu entrüsten, die in ihm näher liegenden Bezirken erschienen sind. Jedenfalls muß ich es mit aller Entschiedenheit zurückweisen, wenn eines unserer wirksamsten Agitationsmittel sehr zum Schaden für unsere so schwere Werbearbeit als ein Skandal für die Partei bezeichnet wird. Wir stehen im äußersten Osten aus dem exponiertesten Posten der Partei. Die stetige Abwanderung aus dem Osten nach dem Westen - und das sage ich auch besonders dem Genossen gegenüber, der den hohen Preßzuschuß für Königsberg monierte - bringt es mit sich, daß wir fortgesetzt Urboden zu beackern haben, daß die Früchte unserer sozialistischen Saal nicht zum wenigsten erst im Westen aufgehen. Das sollten die Genossen aus dem Westen beachten und uns nicht durch derartige unberechtigte Vorwürfe, wie sie Leinert hier erhoben hat, unsere mühsame und aufopfernde Arbeit erschweren.

Wels-Berlin: Braun hat mir einen Teil meiner Ausführungen gegen Leinert schon vorweg genommen; aber wenn dieser von dem brandenburgischen Kalender sprach, nun, der „Wahre Jakob“ erscheint nicht in Brandenburg und wird wahrscheinlich nicht von Radikalen redigiert. Und da finden Sie ein Rezept für einen schneidigen Schnurrbart für jeden schneidigen Kavalier, Nährpulver gegen Magerkeit und für schöne volle Körpersonnen. [Heiterkeit.] Also das trifft für den Süden und Norden zu, für radikale und anders redigierte Blätter. Wir können nur auf dem Boden diskutieren, daß man fragt, ob die Inserate überhaupt im Agitationskalender ausgenommen werden sollen oder nicht. Als Vorsitzender der Preßkommission des „Vorwärts“ weiß ich, daß häufig genug Beschwerden kommen, weil dieser oder jener trotz strengster |233| Prüfung der Inserate sich übervorteilt glaubte. Alle unsittlichen und offenbar schwindelhaften Inserate scheiden wir von vornherein aus. Die Inserate haben dem „Märkischen Landboten“ im letzten Jahr, allerdings einschließlich der Spesen, 4300 Mk. Einnahmen gebracht. Wir konnten aber die dreifache Einnahme haben, hätten wir nicht zwei Drittel der angebotenen Inserate zurückgewiesen. Wir nehmen also schon eine Sichtung vor. - Die Anregung möchte ich unterstützen, daß der Parteivorstand öfter mit den Bezirks- und Landeskommissionen zusammenkäme. Dann würden wir Auseinandersetzungen über die Maifeier usw. hier jedenfalls nicht haben. Daß zur Lokalistenfrage bisher sich wenigstens niemand zum Wort gemeldet hat, begrüße ich, es beweist mir, daß der Parteitag in dieser Frage einig ist und der Resolution des Parteivorstandes einmütig zustimmen wird; auch in der Verurteilung des Allgemeinen deutschen Metallarbeiterverbandes. Jetzt zeigt sich, wie unberechtigt unsere vorjährige Mäßigung gegenüber der Wiesenthalschen Organisation war. Wären wir damals dem Wiesenthal gegenüber konsequent vorgegangen, dann wären diese Schweinereien nicht möglich geworden, dieser Verrat, den sie jetzt beim Streit der Rohrleger durch Vermittelung von Streikbrechern gemeinsam mit Lebius, dem gelben Verband und den Hirsch-Dunckerschen begangen haben. Der Allgemeine deutsche Metallarbeiterverband hat jedenfalls für Berlin aufgehört zu existieren, übriggeblieben ist die Streikbrecheragentur Wiesenthal, Lebius und Kompagnie, Hauptgeschäft Berlin, Ackerstraße 123. [Zustimmung.]

Singer: Ich wäre am Schluß der Sitzung daraus eingegangen, tue es aber nun schon jetzt. Ich wollte den Parteitag ersuchen, die Akten der Ausschlußsache Wiesenthal, die im vorigen Jahre auf diesen Parteitag verschoben worden ist, der Beschwerdekommission zu überweisen, damit dieser Parteitag damit zu Ende kommt. [Zustimmung.]

Grunwald: Vor einigen Tagen erschien in der „Fränkischen Tagespost“ ein Artikel Eisners, der sich mit der Frage der Begriffsbildung beschäftigte. Wenn man mit diesem Artikel seine heutige Rede vergleicht, so muß man sich fragen, ob der Artikel von derselben Person geschrieben worden ist. Denn eine solche begriffsverwirrende Rede, wie sie heute Eisner im Anschluß an eine Art Kritik der Parteischule gehalten hat, wird schwerlich ihresgleichen finden. Da ist es natürlich auch gar kein Wunder, wenn in einer solchen allgemeinen Fassung, die in einzelnen Sätzen alle mögliche Deutung zuläßt, jeder etwas findet, womit er einverstanden sein könnte. Man wird z. B. Eisner gewiß recht geben, daß der Beruf des Lehrers einer der schwersten und verantwortungsvollsten ist, aber dann daraus zu folgern, Arbeitern, die ein halbes Jahr die Parteischule besucht haben, nachdem sie jahre-, vielleicht jahrzehntelang in der praktischen Politik tätig gewesen sind, das Lehren zu untersagen, ist nur möglich, wenn man alles in einen Topf wirft. Denn diese Arbeiter, die dann von der Parteischule kommen, wollen nicht über alles mögliche und unmögliche unterrichten, den Ehrgeiz haben sie gar nicht, sondern sie wollen über ganz konkrete theoretische und praktische Fragen ihre Bildung weitergeben, nicht Lehrer schlechthin sein. Da schadet es auch gar nichts, und wir sehen es in der Partei wiederholt bewiesen, wenn einmal jemand über ein Thema redet, das seine bescheidenen Kräfte übersteigt. Das Goethesche: „So laßt mich scheinen, bis ich werde“ hat einen großen und tiefsinnigen Inhalt [Sehr richtig!], daß wir in das, was wir uns vornehmen, selbst wenn wir es zunächst nur zu scheinen vermögen, hineinwachsen und es dann auch wirklich werden, lind in diesem Sinne hat es nichts geschadet, daß unter den Tausenden von Arbeitern, die als Lehrer ausgetreten sind, dieser oder jener seine Kräfte überschätzt hat. Und sie alle würden nicht zu ihren Erfolgen kommen, |234| wenn sie diese allgemeine ästhetisierende Theorie sich zum Vorbild genommen und sich davor gefürchtet hätten, Dinge zu erörtern, die vielleicht und tatsächlich anderen Klassen als sehr schwierige, ja als unmöglich zu lösende Probleme scheinen müssen. Indes, ich kann mir vorstellen, daß ästhetische Literaten bürgerlicher Tendenz in Fragen der Werttheorie nicht hineinwachsen können; aber Arbeiter, die die Praxis dieser Werttheorie jahrzehntelang am eigenen Leibe gespürt und sich dann theoretisch unterrichtet haben, können durchaus ehrlicherweise darüber lehren. Noch weiter als Eisner geht ja Maurenbrecher, und der hat nicht nur diesen Artikel in der „Fränkischen Tagespost“, die ja immerhin noch ein Parteiorgan ist [Heiterkeit.], geschrieben, sondern auch in der „Hilfe“ noch viel konsequenter und energischer sich ausgelassen über das, was er eigentlich denkt. Und er ist ehrlich und offen genug, daß er in der „Hilfe“ nicht nur mit der gegenwärtigen Praxis des Unterrichten und Lernens ein Ende gemacht haben will, sondern radikal vorgeht und mit den Fundamentalsätzen unseres Programms ein Ende gemacht wissen will. In der „Hilfe“ beschränkt er sich nicht mehr darauf, daß die Theorie nicht den Massen gelehrt werden dürfe, sondern er verlangt, daß man diese Theorie überhaupt aufgeben soll, also auch für die Lehrer. [Hört, hört!] Er schreibt: „Die Frage, ob es überhaupt möglich sein wird, jemals eine Produktionsordnung zu finden, die allen Menschen das volle und glückliche Leben als Kulturmenschen ermöglicht, ist mit Mitteln geschichtlicher und psychologischer Erfahrung nicht zu erledigen.“ [Hört, hört!] Das heißt also mit anderen Worten, das, was wir in der Praxis durch den täglichen Kampf um die politische Macht erreichen wollen, ist eine Sache, die durch die geschichtlichen und psychologischen Erfahrungen nicht zu erledigen ist. Das heißt nicht nur die Theorie aufgeben, sondern auch den ganzen geschichtlichen praktischen Kampf einfach für unmöglich, erfolglos, ziellos erklären. Wer das haben will, der mag zu allem anderen gut sein, aber zu einem Lehrer des klassenbewußten Proletariats scheint er mir der möglichst ungeeignetste Mann zu sein. [Lebhafter Beifall.]

Berten-Düsseldorf: Die Düsseldorfer Parteigenossen sind sehr unzufrieden gewesen mit dem Beschluß der Kontrollkommission, den Ausschluß Schröders aufzuheben. Was ich aber besonders rügen muß, das ist, daß die Kontrollkommission es nicht für notwendig gehalten hat, irgendeine Begründung an die Parteiorganisation zu schicken. - Die Parteischüler sind doch zum allergrößten Teil Genossen, die schon jahrelang in der Arbeiterbewegung tätig sind und deren Grundbegriffe schon längst ersaßt haben und nur noch eine systematische Ausbildung erhalten. Der Vergleich mit dem Volksschullehrer, der erst ein paar Jahre studieren muß, zeigt eine Art bürgerlicher Auffassung der ganzen Angelegenheit. Wenn Eisner die Werttheorie eine sehr schwierige Frage nennt, so hat er ganz gewiß recht, mancher lernt es sein Leben lang nicht. [Heiterkeit.] Als Genossin Luxemburg von dem Wirkungskreis sprach, der den Schülern der Parteischule eröffnet werden müsse, rief Eisner: Sehr richtig! Nun, in Hof hat man in diesem Frühjahr einen Redakteur gesucht, ein Hofer Genosse war im letzten Kursus einer der befähigtsten Parteischüler und hat sich gemeldet. Und was taten die Genossen von Hof? Sie stellten einen Parteigenossen an, der kurz vorher noch der nationalliberalen Partei angehörte. [Hört, hört!] Fassen Sie den Beschluß, daß die Parteischule weiter ausgebildet wird; Mängel sind selbstverständlich vorhanden.

Inzwischen ist ein Antrag 131 Pieck-Bremen eingegangen.

Pieck-Bremen: Die Beweise liegen vor, daß es den Kritikern der Parteischule nicht auf Verbesserung, sondern auf Beseitigung des Instituts ankommt. Eisner ist ja offen genug, das in seinem Artikel in der „Tagespost“ zuzugeben. |235| Eisner findet hier Elitezüchtung, während er wohlwollend für eine Massenbildung der Partei eintritt. Der Artikel Maurenbrechers zeigt, wie sich diese Leute die Massenbildung denken: In der Vermittelung von zusammenhanglosen Tatsachen! Sie wollen eine willenlose Masse, die sie gängeln können, die nicht in der Lage ist, sich den Zusammenhang der geschichtlichen Tatsachen zu erklären. Die Partei hat alle Ursache, denjenigen Leuten, die seit einigen Jahren systematisch versuchen, die Arbeiter von dem zielklaren Wege abzuleiten, sie auf Wege zu verleiten, die nicht zur Eroberung der politischen Macht führen, sondern lediglich dazu dienen, einzelnen rechtsstehenden Sozialdemokraten und linksstehenden Liberalen die Masse zu stellen für ihre sozialreformerischen Bestrebungen. - Ich kenne viele Parteigenossen, die nicht die Parteischule besucht haben und doch Vorträge über die Werttheorie halten. [Heiterkeit.] Welcher Vorwurf soll also darin liegen, daß ein Genosse aus der Parteischule 26 Vorträge darüber gehalten hat? Er hat die Vorträge gehalten, um im kleinen Kreise intelligenter Genossen sich selbst fortzubilden. [Sehr richtig!] Wir haben alle Ursache, das zu fördern. Der Ausdruck „Elitebildung“ ist demagogisch. Wir können dies Institut nur begrüßen; wir wollen es nicht nur erhalten, sondern in sachgemäßer Weise ausbauen und erweitern. Ich denke es mir so, das etwa ein dreimonatiger Sommerkursus außer dem halbjährigen Winterkursus eingeführt wird, um damit den Genossen, die zum Teil die Parteischule schon besucht haben oder geistig auf hoher Warte stehen, die Möglichkeit zu weiterer systematischer Fortbildung zu geben. Wir haben alle Ursache zu einem Votum des Parteitages, das der Befriedigung über die Parteischule Ausdruck gibt. Das Wohlwollen der Genossen, die fortgesetzt Unterminierungsarbeiten leisten, für die Massenbildung ist sehr durchsichtig: ihnen kommt es nicht auf die Art des Unterrichts, sondern aus den Inhalt dessen an, was in der Parteischule gelehrt wird. [Beifall.]

Eisner-Nürnberg: „Die Arbeiter selbst, wenn sie [...] die Arbeit aufgeben und Literaten von Profession werden, stiften stets „theoretisch“ Unheil an und sind stets bereit, sich an Wirrköpfe aus der angeblich „gelehrten“ Kaste anzuschließen.“ Das hat nicht der Genosse Maurenbrecher geschrieben, sondern Karl Marx. [Hört, hört!] Ich halte dies Zitat für sehr übertrieben. Marx goß da seinen Ärger über den einstigen Berliner Parteigenossen Most aus; aber alles, was Maureubrecher geschrieben hat, reicht bei weitem nicht an diese schwere Verurteilung der Arbeiter heran, daß sie überhaupt nicht einmal die Möglichkeit haben, Theoretiker zu werden. Wie gesagt, ich halte diesen Satz für übertrieben. Ich bin der Meinung, daß jeder normale und gesunde Mensch die Fähigkeit hat, alle Fragen der Menschheit mit einiger Mühe zu verstehen. Aber es handelt sich gar nicht um die psychologischen Erwägungen, die die Genossin Luxemburg und Genosse Grunwald angestellt haben, daß die Arbeiter wegen ihrer proletarischen Klassenlage in die Probleme der Werttheorie leichter eingeführt werden können als bürgerliche Gelehrte - wie Karl Marx. Wogegen ich mich gewendet habe, ist lediglich der Anspruch, daß ein halbes Jahr durchgebildete Genossen sofort als Lehrer auftreten. Sie haben hier Parteischüler gehört, deren Argumente darin bestehen, daß Parteigenossen, die es wagen, über die Parteischule anderer Meinung zu sein, nicht mehr zur Partei gehören. (Zuruf: Hat niemand gesagt!) Das hat mein Vorredner in seinen Schlußausführungen sehr deutlich gesagt. Wenn das die Erziehung ist, dann wäre allerdings mein Mißtrauen bedeutend verschärft worden. Ich halte es durchaus für nützlich, wenn Parteifunktionären die Möglichkeit gegeben wird, ein halbes Jahr sich wissenschaftlich zu betätigen. Ja, ich schließe auch die Redakteure nicht davon aus, und ich persönlich würde großen Wert darauf legen, einmal von den Nürnberger Genossen ein halbes |236| Jahr beurlaubt zu werden, um zu den Füßen der Genossin Luxemburg neue Wissenschaft zu lernen. [Heiterkeit.] Das würde mir nichts schaden und der Genossin Luxemburg auch nicht. Im übrigen hat sie in der ersten Hälfte ihres Vortrages, worin sie eigentlich gegen mich polemisieren mußte - denn wenn ich etwas sage, muß die Genossin Luxemburg gegen mich polemisieren [Sehr gut! und Lachen] -, hat die Genossin Luxemburg in der ersten Hälfte genau dasselbe gesagt wie ich, nur natürlich viel besser und tiefer als ich. Sie hat genau dasselbe gesagt wie Maurenbrccher [lebhafter Widerspruch und Zustimmung], namentlich das man in erster Linie Geschichte lehren muß. Es handelt sich nicht darum, ob wir Marxisten sind oder nicht, sondern es handelt sich um die Methode des Unterrichts und vor allein darum, das wir nicht durch eine Halbbildung einen Anspruch unter gewissen Parteigenossen erzeugen, den kein Parteigenosse der älteren Schule bisher erhoben hat. Es ist eine neue Mode, nicht eine alte Mode, daß Parteischüler mit diesem Aplomb austreten und dann, mit der Fülle der Wissenschaft des Jahrhunderts ausgerüstet, als ob jeder von ihnen ein Karl Marx oder ein Lassalle wäre, gegen andere polemisieren. [Unruhe.] Bescheidenheit ist der Anfang der Bildung. [Zuruf: Wie lange ist Maurenbrecher Genosse?] Maurenbrecher ist zwar noch nicht sehr lange Genosse, aber er hat sich schon jahrelang wissenschaftlich betätigt. Man spricht von einem Nürnberger Trichter. Nürnberg und der Gau Nordbayern ist gegenwärtig in der Lage, am meisten für die Volksbildung zu tun, denn auch in Berlin haben es die Parteigenossen noch nicht dazu gebracht, die Wissenschaft so hoch zu schätzen, das sie einen Lehrer im Hauptamt anstellen, der nichts weiter tut, als die Genossen zu unterrichten. Maurenbrecher ist bei uns auch keineswegs der einzige Lehrer, er ist nur gewissermaßen als Zentrum der Bildungsbestrebungen gedacht. Hier bei uns ist der einzige Versuch gemacht, wirklich systematisch von unten herauf in einem bestimmten Bezirk wissenschaftliche Bildung zu verbreiten. Auch mein Kollege Weill hält Vorträge; ich fordere Frau Luxemburg auf, auch mal zu meinen Füßen zu Horen: ich habe den Ehrgeiz, wenn nur meine Zeit es gestattet, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, vier Vorträge über Karl Marx zu halten. Sie können versichert sein, daß ich über nichts spreche, was ich nicht vorher gearbeitet habe. Ich pflege mich zu allen meinen Vorträgen gründlich vorzubereiten. Mehr als je ist es heute notwendig, den Massen einmal elementare Bildung einheitlich beizubringen. Wer wie ich gesehen hat, das die Bildungsbestrebungen der Massen daran scheitern, daß ihnen die einfachsten Begriffe und Worte fehlen, der wird mir beipflichten. Ich habe nichts gegen die Parteischule, sofern der Parteivorstand gleichzeitig die Mittel aufbringen kann, dies Problem der Massenbildung zu lösen. Dann mag die Parteischule nebenher existieren und sich vergrößern. Unsere heutigen Arbeiter haben es viel schwerer als die Führer, die die Partei groß gemacht haben. Unsere Führer haben mit den einfachsten theoretischen Erörterungen angefangen, mit den großen allgemeinen Gesichtspunkten. Heute ist die Partei nicht mehr eine wissenschaftliche Gruppe, sondern eine große politische Partei. Jedes Zeitungsblatt, das heute hinausgeht, enthält eine solche Fülle von Stoff, das ich behaupte, das kein Blatt von den großen Massen vollständig verstanden werden kann. Das liegt nicht daran, daß die Massen heute dümmer geworden sind, sondern daß die Ansprüche sich außerordentlich gesteigert haben. Ich erinnere mich eines wunderschönen Aufsatzes von Molkenbuhr, wie er anfing, sich zu bilden, wie er im engeren Kreise Schiller gelesen hat und wie er allmählich erst zehn Minuten reden konnte, dann 15 und 20 Minuten und auch dann noch nicht mit der Wissenschaft des ganzen Jahrhunderts ausgerüstet. Er hält heute noch keine 20 Vorträge über Werttheorie. [Molkenbuhr: Ich habe einen Zyklus |237| von sechs Vorträgen gehalten.] Wenn Molkenbuhr darüber redet, dann hat er ein Recht dazu, er hat zwar nicht ein halbes Jahr in der Parteischule zugebracht, aber sein ganzes Leben dem Studium der Arbeiterbewegung gewidmet. Ich hatte eigentlich die Absicht, Maurenbrecher zu verteidigen, ich verzichte aber darauf und will nur bemerken, dag mein Vorredner aus dem Artikel von Maurenbrecher etwas ganz Falsches herausgelesen hat. Das beweist, das die Parteischule allerdings in diesem Falle ihre Zwecke gründlich verfehlt hat, denn der ganze Artikel von Maurenbrecher läuft doch darauf hinaus, die Massen nicht zur wehrlosen Herde zu machen, sondern im Gegenteil die Menschen denkfähig zu machen und sie zu selbständigem Handeln und kräftigem Willen zu erziehen.

Voigt-Merseburg tritt dafür ein, das Genossen, die noch lokalistischen Organisationen angehören, aus der Partei ausgeschlossen werden. Der Teil der Zimmerer der freien Vereinigung, der in den Zentralverband übergetreten ist, besteht gerade aus den Leuten, die immer für die Partei gearbeitet haben, während die, welche bei der freien Vereinigung geblieben sind, nichts für die Partei getan haben. Wohl behauptet die „Einigkeit“ immer, das 90 Proz. ihrer Anhänger politisch organisiert sind. Es fragt sich aber, welcher politischen Partei sie angehören. Ich bitte den Parteitag, in dieser Sache endlich Schluß zu machen. Wer nicht für uns ist, der ist wider uns. [Bravo!]

Leinert-Hannover: Wels hat mir gegenüber darauf hingewiesen, daß mit den Inseraten 4300 Mk. eingenommen worden sind. Dabei sind aber die Kosten des Trucks und Papiers nicht berechnet. Ich mußte diese Sache hier zur Sprache bringen, nachdem uns in Hannover ein Zirkular zugeschickt war von demjenigen, der die Inserate in alle Kalender bringen will. Es galt zu verhüten, das die Inseratenplage allgemein in Deutschland Eingang findet. Bei den Kalendern, denen der Parteivorstand Zuschüsse gibt, können wir wohl eine Kontrolle über die Reinheit der Agitation verlangen. Daß ich mit meinen Ausführungen die radikale Richtung habe treffen wollen, ist schon deshalb ausgeschlossen, weil ich mich ja auch mit derselben Schärfe gegen die Annoncen im „Wahren Jakob“ gewendet habe.

Klara Zetkin: Ich möchte einige Ergänzungen zu dem anführen, was unsere Genossin Luxemburg betreffs der Notwendigkeit gesagt hat, die Geschichte des Sozialismus sowohl dem Bildungsstoff der Parteischule hinzuzufügen, wie auch dem Bildungsstoff, der durch die Wanderkurse des Bildungsausschusses vermittelt wird. Der Bildungsausschuß stimmt durchaus dem Gedankengange zu, den Genossin Luxemburg in dieser Beziehung entwickelt hat. Er hat auch bereits alle einleitenden Schritte getan, damit die Wanderkurse nach dieser Richtung hin ausgebaut werden. Das kann aber nicht eher geschehen, als die Kräfte vorhanden sind, die dem Bildungsausschuß eine gewisse Garantie dafür bieten, daß die Geschichte des Sozialismus auch in einem wirklich gründlichen und befruchtenden Sinne vorgetragen wird. Es handelt sich um Kurse, die vorbereitet werden müssen. Ich bin aber überzeugt, es wird gar nicht lange anstellen, bis durch die Wanderkurse die sehr berechtigten Anforderungen unserer Genossin Luxemburg erfüllt werden. - Ich möchte dann einiges erwidern ans die Ausführungen Eisners. Eisner hat für die Bildungsbestrebungen die Losung ausgegeben: Zurück auf die Methoden, auf die Art und Weise der theoretischen Bildung, wie sie in den Anfängen der sozialistischen Arbeiterbewegung praktiziert worden ist. und er hat als mustergültig auf den Entwicklungsgang Molkenbuhrs hingewiesen. Genossen, wenn wir auf die als Muster ausgestellten Bildungsmethoden und den entsprechenden Bildungsinhalt zurückgreifen wollten, so würden wir die 40 Jahre der theoretischen Entwicklung, die seitdem verflossen sind, aus der Geschichte der |238| Partei streichen. Wir haben aber nicht 40 Jahre umsonst gearbeitet, sind nicht 40 Jahre lang umsonst mit der sozialistischen Erkenntnis unter die Massen gegangen. Es ist jetzt eine ganz andere geistige und sittliche Atmosphäre, ein ganz anderer Boden der Auffassung bei den Arbeitern vorhanden als vor 40 Jahren, und wir können deshalb auch einen weit höheren, theoretisch geklärten Bildungsstoff durchdringen, zusammensassen und den Massen übermitteln, als es in jenen Zeiten geschehen ist. Die Massen bringen heutzutage für die sozialistische Erkenntnis und Theorie eine ganz andere psychologische Disposition mit als in den Zeiten, wo es galt, in geistiger Beziehung die Arbeiterbewegung erst von der bürgerlichen Ideologie überhaupt loszutrennen. Genosse Eisner hat sich entschieden dagegen verwahrt, daß die Parteischüler hinausgehen unter die Masse, um zu lehren, nachdem sie durchaus nicht fertig gelernt haben, sondern erst die tiefste nachhaltigste Anregung erhielten, um weiterzulernen. Aber wie liegen die Verhältnisse in der Partei, in den Gewerkschaften? Die Proletarier können nur arbeitend, können nur wirkend etwas werden, nach dem pädagogischen Grundsatz, daß lehrend gelernt werden muß. Das gilt auch für die Parteischüler. Um diesen Grundsatz in seiner ganzen Tragweite verwirklichen zu können, müssen sie meiner Ansicht nach ein Wirkungsfeld haben, sich arbeitend, lehrend betätigen, nachdem sie die Parteischule verlassen haben. Molkenbuhr ist gerade ein lebendiges Beispiel dafür, was ein Proletarier lehrend und lernend auch in theoretischer Beziehung werden kann. Er hat den besten Beweis der theoretischen Reife, arbeitend und lehrend als Agitator unter den Massen, als Parlamentarier im Reichstag und im letzten Winter in Berlin erbracht, wo er abwechselnd mit der Genossin Luxemburg die nämlichen theoretischen Probleme wie diese behandelt hat in großen, von Hunderten besuchten Volksversammlungen. - Es ist mit Bezug auf die theoretische Bildung der Genossen von einem Artikel Maurenbrechers in der „Hilfe“ gesprochen worden. Ich muß sagen, ich glaubte zu träumen, als ich davon hörte. Seit wann ist denn der Parteilagsbeschluß von Dresden außer Kraft gesetzt, daß Sozialdemokraten an gegnerischen Blättern nicht Mitarbeiten sollen über Fragen, die das Lebensinteresse der Bewegung berühren? Gelten Parteitagsbeschlüsse, die jeden Genossen binden sollen, nicht mehr für den Genossen Maurenbrecher? [Lebhafte Zustimmung.] Ich finde es seinerseits ja ganz begreiflich, daß er die „Hilfe“ für die Veröffentlichung seines Artikels gewählt hat, nach dem alten französischen Sprichwort: „Car on revient toujours à ses premiers amours", zu deutsch: „Alte Liebe rostet nicht“. [Große Heiterkeit.] Wenn ich das auch menschlich begreiflich finden kann, so stehe ich doch nicht an zu erklären, daß es meiner Ansicht nach keine ungeeignetere Tribüne für Erörterungen über unsere Grundsätze geben kann als jenes Blatt, das systematisch, planmäßiger wie jedes andere, darauf ausgeht, die Sozialdemokratie zu korrumpieren, auseinander zu loben, auseinander zu Hetzen, auseinander zu schimpfen. [Lebhaftes Sehr richtig!] In diesem Blatt des Blockfreisinns sollte ein Sozialdemokrat am allerletzten schreiben. [Lebhafte Zustimmung.] In Dresden wurde uns von den Hausgenossen und Hausfreunden bürgerlicher Blätter erklärt, daß das Mitarbeiten von Sozialdemokraten an bürgerlichen Organen vor allem dem Zweck diene, Erkenntnis über das Wesen der sozialistischen Bewegung in bürgerliche Kreise zu tragen. Ist das aber Erkenntnis vom Wesen der sozialistischen Theorie, wenn es in dem Artikel Maurenbrechers heißt, daß die Verwirklichung der sozialistischen Produktionsordnung nicht als Ergebnis der historischen Erfahrung erwartet werden darf, daß er lediglich eine „regulative Idee“, Sache des Glaubens und Hoffens sei. Was heißt das anderes, als daß wir die Auffassung preisgeben, daß der sogenannte sozialistische |239| Zukunftsstaat mit geschichtlicher Notwendigkeit kommen muß, als das Resultat der eigengesetzlichen Entwicklung der ganzen Gesellschaft. Was heißt das anderes, um mich populär auszudrücken, als daß der Sozialismus als Wissenschaft zurückgeführt wird nicht nur auf die sozialistischen Utopisten, sondern hinter sie, daß er aus einer wissenschaftlichen Erkenntnis in eine pfäffische Glaubensformel verwandelt wird. Ich glaube, es ist unbedingt notwendig, mit aller Schärfe auszusprechen, daß Persönlichkeiten, die in ihrer eigenen theoretischen Reife noch einen derartigen Grad der Unentwickeltheit und Verworrenheit bekunden, am allerletzten berufen find, das Proletariat über den Sozialismus zu unterrichten und lehrend und führend voranzugehen. [Stürmische Zustimmung.] Wer eine derartige Auffassung vertritt, die im letzten Grunde ein Faustschlag gegen die klare, festgewurzelte wissenschaftliche Erkenntnis ist, welche die Sozialdemokratie bemüht ist, jeden Augenblick unter die Massen zu tragen und zum Leitstern ihrer Praxis zu machen, sollte erst noch still bescheiden im Kämmerlein der Theorie sitzen bleiben, um dort lernend sich zur Kenntnis der sozialistischen Theorie durchzumausern, ehe er daran geht, die sozialistische Auffassung zu revidieren. [Langer lebhafter Beifall.]

Dr. Lensch-Leipzig: Ich hatte geglaubt, bei dieser Diskussion lediglich mit einer persönlichen Bemerkung davonzukommen: aber die Frage, die jetzt angeschnitten ist, veranlaßt mich doch zu einigen Ausführungen. Zunächst aber muß ich mich mit einer Äußerung des Genossen Müller vom Parteivorstand beschäftigen. Müller hat in seinem Referat einen Witz gemacht, was ihm ja öfter passiert. [Heiterkeit.] Er sagte, die „Leipziger Volkszeitung“ hätte deshalb einen akademisch gebildeten Redakteur gesucht, damit Lensch in der Redaktion einen satisfaktionsfähigen Kollegen hat. Ich muß sagen, der Scharf, sinn dieses Witzes hat mich niedergeschmettert. Ich fragte Müller, ob er den Witz ganz allein gemacht habe, denn er schien mir so geistreich, daß ich anfangs glaubte, der Witz sei gewissermaßen Kollektivarbeit der geistvollsten unserer Parteigenossen, nämlich des Parteivorstandes. [Heiterkeit.] Aber Müller sagte, daß er ihn ganz allein gemacht habe. Sie sehen daraus, welche strahlende Geiftesfackel wir am Parteisekretär Müller besitzen. [Heiterkeit.]

Die Debatte über die Parteischule ist ja in erster Linie von Nürnberg durch Artikel der „Fränkischen Tagespost“ inszeniert. Da besteht allerdings in weiten Parteikreisen der Eindruck, daß die Polemik gegen die Parteischule nicht geführt worden wäre, wenn an Stelle von Luxemburg, Cunow und der übrigen sogenannten Radikalen die sogenannten Revisionisten als Lehrer tätig wären. [Sehr wahr.] In der „Fränkischen Tagespost“ war ja gesagt, daß keineswegs die Absicht bestehe, die Parteischule aufzuheben, man wolle nur die Parteilehrer aus Berlin wegziehen. Das ist nach meiner simplen Auffassung genau dasselbe, als wenn man einem Käfer die Beine ausreißt, so daß das arme Tier vollständig bewegungslos bleibt. An sich ist es ja schwer, auf die Einwendungen von Eisner einzugehen; nicht etwa, weil sie so außerordentlich treffend und richtig wären, sondern im Gegenteil wegen ihrer Allgemeinheit, so daß man in der Tat nicht weiß, was man gegen solche allgemeine Behauptungen sagen soll. Er fordert uns auf, das Problem der Massenbildung gründlich zu studieren. Dieses Problem ist im Grunde ja nichts anderes als ein Problem des Kapitalismus; und die Grundanschauungen, die er über das Problem der Massenbildung selbst hat, hat er dadurch dokumentiert, daß er den Artikel von Maurenbrecher über das Schellendaus lobte als einen „ausgezeichneten“ Artikel, der der gesamten Debatte als Grundlage dienen sollte.

|240| Genossin Luxemburg hat Ihnen ja schon einige Blüten aus diesem Artikel vorgelesen, und Eisner selbst legt Wert darauf, daß möglichst viel daraus verlesen wird. Ich will diesen Wunsch als höflicher Parteigenosse erfüllen. Es heißt da:

„Wer wirklich verstehen will, was Marx uns gebracht hat, muß erstens wissen, was vor ihm da war: also Wilhelm von Humboldt, Hegel, Gervinus, Ranke, um nur die Deutschen zu nennen. Und er muß zweitens wissen, was seitdem von anderen gedacht und geleistet wurde. Eine einfach erklärende Lektüre der betreffenden Marxschen Stellen führt wahrhaftig nicht zu ihrem wirklichen, d. h. zu ihrem sie richtig begrenzenden und einordnenden Verständnis. Und mit der Wertlehre ist es nicht anders. Ihr müßt mindestens Thomas von Aquino, Ricardo, Marx und Böhm-Bawerk kennen, ehe Ihr über Werttheorie reden wollt.“

Thomas von Aquino ist ein seit mehreren Jahrhunderten verfaulter Heiliger der katholischen Kirche. [Heiterkeit.] Man kann also nach den Anschauungen von Maurenbrecher und Eisner, der sich mit ihm solidarisch erklärt, über die Werttheorie nicht sprechen, wenn man nicht weiß, was der heilige Thomas von Aquino dazu sagt. [Heiterkeit.] Nun wurde der Name Molkenbuhr in die Debatte geworfen. Und Molkenbuhr gestand uns ja, daj) er nicht nur einen, sondern sogar 6 Vorträge über die Werttheorie gehalten hat. Aber ich frage ihn, ob er denn auch vorher den Thomas von Aquino gelesen hat. [Große Heiterkeit. Bebel ruft: Den haben wir alle nicht gelesen. - Pfannkuch: Aber Frohme hat ihn gelesen. - Heiterkeit.] Ja, dann versteht Ihr ja alle nichts von der Werttheorie. [Erneute Heiterkeit.] Aber über dies: Anschauung liehe sich reden, wenn Maurenbrecher sie wirklich konsequent und jedesmal vertreten würde. Wenn Sie aber mal die Vorrede zu seinem Buch über die Hohenzollernlegende zur Hand nehmen, dann finden Sie darin eine höchst merkwürdige Auseinandersetzung; er sagt, er habe leider nicht Zeit gehabt, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen; wer von seiner Arbeit als politischer Schriftsteller leben will, der muß eine hurtige Feder haben, der kann nicht solche Studien treiben, wie es sonst notwendig wäre. [Hört! hört!] Dieses Wort von der gründlichen Durchbildung erinnert mich an den bekannten Witz von Boerne, daß der Deutsche, wenn er sich einen Fleck aus dem Rock reiben will, vorher erst Chemie studiert. [Sehr gut!] Hiernach müßte man erst vorher Thomas von Aquino lesen, ehe man über die Marxsche Werttheorie spricht. Die Mitarbeit von Maurenbrecher an der „Hilfe“ erscheint in merkwürdigem Lichte, wenn man sich darauf besinnt, daß Naumann Maurennbrecher, als er zur Partei übertrat, mit den Worten geleitete: Gehe hin und wirke im Sinne des Nationalsozialismus. [Hört! hört!] Genau so, wie Maurenbrecher sich in diesem Artikel ausgesprochen hat, über den Unterschied zwischen den Elitemenschen und den Parteigenossen, die zu dumm sind, um die Werttheorie und den historischen Materialismus oder, wie Eisner sagen würde, die historische Dialektik zu begreifen, genau so hat Professor Sohm sich in früheren Jahrgängen der „Hilfe“ ausgesprochen: „Was ist die Masse? Die Masse ist die zum Leiden geborene Herde, keineswegs das wirkliche Volk, sie ist das Unvolk, und nur die wenigen, die aus der Masse hervorragen, sind diejenigen, auf die es in der Weltgeschichte ankommt.“ Sohm wurde später den Nationalsozialen zu reaktionär, und er schwenkte in der Tat nach rechts ab, und jetzt haben wir nun die Tatsache zu verzeichnen, daß der Sozialdemokrat Maurenbrecher in dieser Frage dieselbe Anschauung hat.

Diese erheblichen Widersprüche, die in den Ausführungen von Manrenbrecher liegen, müssen natürlich auf irgendeine Weise erklärt werden können. Ich erkläre sie mir dadurch, daß Maurenbrecher als früherer Theologe gewohnt |241| ist, das Kamel des Glaubens durch das Nadelöhr der Vernunft zu treiben. [Heiterkeit und Beifall.]

Liepmann-Berlin: Eisner hat unter anderem gesagt, es wäre Aufgabe des Parteivorstandes, für einen gründlichen Unterricht der Masse zu sorgen und sie mit einer gründlichen Elementarbildung zu versehen. Ich habe mit meinem untergeordneten Menschenverstande bisher geglaubt, daß das Aufgabe des preußischen Staates oder der anderen Vaterländer sei, die ja auch nicht imstande gewesen sind, die Aufgaben zu lösen, die Eisner kurzerhand dem Parteivorstand zuweist. Vielleicht fassen wir eine Resolution darüber, dann wird es ja gehen. [Heiterkeit.] Das ist ungefähr die Sachkenntnis, mit der man darüber spricht. [Sehr gut!] Eisner hat es wieder für nötig gehalten, den Berlinern einen Hieb zu versetzen. Er sagte, die Berliner haben noch nicht einmal Lehrer angestellt. Ja, das ist ja eben das Unglück, daß man ohne Sachkenntnis über alles mögliche spricht. Die Berliner haben nicht einen Lehrer angestellt, sondern sie haben Zyklen von Vorträgen halten lassen. Wir haben vor 1 ½ Jahren sogar Eisners Freund, Maurenbrecher, einen Zyklus von historischen Vorträgen halten lassen, so vorurteilslos waren wir. [Hört! hört!] Wir haben auch einen Zyklus von naturwissenschaftlichen Vorträgen veranstaltet, und Molkenbuhr hat einen Zyklus von Vorträgen über Nationalökonomie gehalten. Es tut mir ja leid, daß Molkenbuhr den Thomas von Aquino nicht kennt und nicht so qualifiziert war wie Maurenbrecher. Aber ich kann versichern, daß die 2500 Leute, die den Vorträgen von Frau Luxemburg und Molkenbuhr gelauscht haben, den Sinn dieser Vorträge begriffen haben, davon befriedigt waren und profitierten. Ich erinnere weiter daran, was wir sonst für die Volksbildung tun, wie wir in Berlin die Arbeiterbildungsschule zu fördern suchen. Ich gehe darauf nicht ein, um die Zeit des Parteitages nicht in Anspruch zu nehmen. Das was Eisner hier gegen die Berliner ausgeführt hat, wenn auch in versteckter Weise, trifft nicht zu. Es ist nicht richtig, daß wir in Berlin nicht genug für die Ausbildung der Massen oder für die Ausbildung des einzelnen getan haben. Wenn man sich hier auf dem deutschen Parteitage hinstellt und es fertig bringt, der größten Organisation im Reich einen solchen Hieb zu versetzen, dann sollte man sich doch vorher wenigstens über die Tatsachen informieren. [Sehr gut!]

Brandler-Bremen: Eisner und Maurenbrecher suchen die Parteigenossen systematisch über die Tätigkeit der Parteischule und der Parteischüler irrezuführen, weil sie sich selbst über die Grundlagen nicht klar sind. Als Beweis möchte ich anführen nur die eine Unklarheit, die darin besteht, daß diese Genossen den Massen eine Unmenge von Einzeltatsachen beibringen wollen, ohne sie in den Stand zu setzen, diese Tatsachen im richtigen Zusammenhange zu würdigen. Was uns fehlt und was uns die Parteischule lehren soll, ist die methodische Gedankenarbeit, die es uns ermöglicht, die Gesetze der kapitalistischen Produktion sowie alles geschichtliche Geschehen zu begreifen, um danach unser Handeln einzurichten. Den Genossen aus bürgerlichem Lager mag es an diesen Einzeltatsachen fehlen, das ist begreiflich, weil sie von einer ganz anderen Seite zu uns kommen. Uns fehlen diese Tatsachen nicht, weil wir sie tagtäglich erleben müssen. Es ist durchaus falsch, zu behaupten, daß die Parteischüler sofort ihr frischerworbenes Wissen über die Werttheorie an die Masse bringen. Sie suchen sich durch Vorträge im kleinen Kreise, so ist es wenigstens bei uns in Bremen, die erforderliche Klarheit zu verschaffen und die Diskussion bewegt sich in kleinem, begrenztem Rahmen. Es ist die reine Demagogie, wenn Eisner und Maurenbrecher behaupten, daß die große Masse in die theoretischen Grundlagen des Sozialismus eingeführt wird. Es ist |242| ebenso Demagogie, wenn sie so tun, als handle es sich bei den Parteischülern um Leute, die sich früher gar nicht mit Programm und Theorie des Sozialismus beschäftigt hätten. Die Parteigenossen halten sorgfältige Auswahl und schicken nur die tüchtigsten unter sich aus die Parteischule, die jahre- und jahrzehntelang, jedenfalls viel länger als Maurenbrecher, für die Partei gearbeitet haben, damit sie ihre Erfahrungen dort sichten lernen. Die Agitation Eisners und Maurenbrechers läuft nur darauf hinaus, die Parteischule zu beseitigen, und zwar von hinten herum, da sie nichts Triftiges gegen sie einwenden können. Gerade Leute, wie Maurenbrecher einschließlich Eisner, sind die ungeeignetsten Lehrer des Proletariats. [Sehr gut!] Das lehrt uns auch, bei der Wahl der Lehrer vorsichtig zu sein und nicht Leute damit zu betrauen, die die Versimplung und Gehirnverkleisterung systematisch betreiben. [Sehr gut!]

Damit schließt die Diskussion über diesen Punkt.

Der Bericht der

Mandatsprüfungskommission

wird entgegengenommen; ihn erstattet

Woldersky-Berlin: Der Parteitag ist besucht von 312 Delegierten, dazu kommen: von Mitgliedern des Parteivorstandes 9, von der Kontrollkommission acht, vom Bildungsausschuß einer, 27 Reichstagsabgeordnete, je ein Vertreter der „Neuen Zeit“ und der „Vorwärts“-Redaktion, außerdem 10 auswärtige Gäste. Im ganzen sind also 369 Parteigenossen anwesend. Beanstandungen und Proteste lagen uns nicht vor, deshalb beantragen wir sämtliche Mandate für gültig zu erklären.

Das Wort wird nicht verlangt. Sämtliche Mandate werden für gültig erklärt.

Eine Reihe Zuschriften sind eingegangen. Darunter Begrüßungsschreiben der Parti socialiste révolutionnaire russe und der sozialdemokratischen Partei Schwedens.

Die Weiterverhandlungen werden auf Dienstag 9 Uhr vertagt.

Schluß 7 Uhr.