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VORBOTE 01c : Der Imperialismus und die Aufgaben des Proletariats
Anton PANNEKOEK - Der Vorbote Nr. 1 - Januar 1916 / S. 7 - 19
28. April 2013 von eric

I

Der Ausbruch des ersten großen Weltkrieges im Jahre 1914 hat zwei Tatsachen grell beleuchtet: erstens die riesige Kraft des Imperialismus, zweitens die Schwäche des Proletariats, namentlich seiner Vorhut und Führerin im Kampfe, der sozialdemokratischen Parteien fast aller Länder.

Der Imperialismus unterscheidet sich von dem alten Kapitalismus dadurch, dass er fremde Weltteile unter Botmäßigkeit zu bringen sucht, um dort neue Märkte für Produkte, neue Bezugsquellen für Rohstoffe und vor allem neue Anlagegebiete für die überquellenden Kapitalmassen zu finden. In der letzten 20jährigen Prosperitätsperiode sind die Kapitalmassen riesig angeschwollen, und damit ist der Drang, sie in unentwickelten Ländern mit hohem Profit anzulegen, in der Bourgeoisie alles beherrschend geworden. Dabei treten die verschiedenen Bourgeoisien einander als Konkurrenten gegenüber; die neuaufgestiegene junge deutsche Bourgeoisie sucht überall Gebiete (Kolonien oder Einflusssphären) zu gewinnen, sieht sich dabei durch die alten weltbeherrschenden Staaten, namentlich England, den Weg verlegt, wie in 1911 in Marokko, während sie selbst in Kleinasien das Vordringen Russlands hindert. Alle haben sich bewaffnet, um im Kampfe um die Verteilung der Welt ein entscheidendes Wort mitreden zu können; alle streben nach möglichst viel Weltmacht. Und dieses Streben riss überall allmählich die ganze Bourgeoisie mit sich. Alles, was noch an militärfeindlicher, fortschrittlicher oder radikaler Opposition unter dem Bürgertum vorhanden war, ging nach und nach mit, musste den steigenden Militärforderungen nachgeben oder sah sich von dem alten Anhang im Stich gelassen. In England so gut wie in Frankreich und in Deutschland schmolz die alte bürgerliche Opposition gegen den imperialistischen Kurs stets mehr zusammen auf einige Phrasen — denn man stimmte für die Flotte, für die Armee, für die Kolonialausgaben. In Deutschland war das Wachstum dieser Strömung in der Bourgeoisie am deutlichsten erkennbar, weil der deutsche Imperialismus seiner Art nach aggressiv sein muss: Er hat noch alles zu gewinnen und fühlt sich stark, es zu gewinnen. In anderen Ländern, wo der Imperialismus vor allem auf die Verteidigung des Besitzstandes zu achten hat, trat das weniger stark hervor; dort ist dieses Wachstum imperialistischen Strebens und Wollens erst während des Krieges ganz deutlich hervorgetreten. Aber überall ist der Imperialismus in den letzten 20 Jahren zur herrschenden Politik aller großen kapitalistischen Staaten geworden.

Nur eine Macht hielt sich abseits und bekämpfte den Imperialismus: die Sozialdemokratie als Vertreterin des Proletariats. Auf mehreren internationalen und nationalen Kongressen sprach sie in Resolutionen ihre Feindschaft gegen diese Politik aus. An der Aufrichtigkeit dieser Erklärungen ist nicht zu zweifeln; die Gefahr, dass aus diesem imperialistischen Streben ein Krieg auflodern würde, kam jeden Tag näher, und ein solcher Weltkrieg bedeutete für die Arbeiterschaft das größte Unglück, namenlose Opfer an Gut und Blut, Zusammenbruch ihrer internationalen Verbindung, wirtschaftlichen Niedergang auf lange Jahrzehnte. Deshalb machten internationale Kongresse auch den Kampf gegen den Krieg zur Hauptpflicht der sozialdemokratischen Parteien. Man brüstete sich bisweilen sogar damit, dass die Furcht der Regierungen vor der Sozialdemokratie den Krieg verhindere. Als aber die Regierungen im Jahre 1914 wirklich den Krieg wollten, stellte sich in den westeuropäischen Ländern der Widerstand der Sozialdemokratie als ein wesenloser Schatten heraus. Und nicht einmal bekannte sie Zähneknirschen ihre Ohnmacht, sondern sie ging mit dem Krieg mit, unterwarf sich dem Willen der Bourgeoisie, wurde patriotisch und stimmte den Kriegskrediten zu — ein völliger Bruch mit allem, was sie bisher als ihr Prinzip und ihre Taktik proklamiert hatte.

Wie war das möglich? Die Antwort ist wiederholt gegeben: Die Sozialdemokratie, das Proletariat, war zu schwach. Das ist richtig, aber kann leicht falsch verstanden werden. Verteidiger der Haltung der deutschen Partei sagten auch: Wir waren zu schwach, also konnten wir uns nicht widersetzen und mussten mitmachen. Aber wäre hier nur Mangel an materieller Kraft gewesen, so hätte man kämpfen und Widerstand bis zum äußersten versuchen können — wie zum Beispiel in Italien. Aber es war weit schlimmer: Man hat gar keinen Kampf versucht. Die Schwäche war viel schlimmer: ein Mangel an Kampffähigkeit überhaupt, ein Mangel an geistiger Kraft, ein Mangel an Willen zum Klassenkampf. Dass die Partei, die bei den Wahlen nur ein Drittel aller Stimmen bekam, die in einem Volke von 70 Millionen nur eine Million Personen umfasst, von denen weitaus die Mehrzahl nur Beiträge zahlen, dass eine solche Partei die Bourgeoisie nicht besiegen und niederwerfen konnte, das wusste jedermann im voraus. Aber nach diesen Zahlen der äußeren Kraft wäre die Partei stark genug gewesen, eine große Bewegung gegen den Krieg zu entfesseln und der Kern einer mächtigen Oppositionsbewegung zu werden. Dass jeder Versuch dazu ausblieb, dass man kampflos die Waffen streckte, beweist, dass die Partei im Innern morsch war und unfähig, ihre neuen Aufgaben zu erfüllen.

Die sozialdemokratischen Parteien stammen aus den früheren Verhältnissen der vorimperialistischen Zeit; sie sind geistig und materiell an die Aufgaben des proletarischen Kampfes früherer Zeit angepasst. Ihre Aufgabe war, während des Aufwachsens des Kapitalismus für Reformen zu kämpfen, soweit sie unter dem Kapitalismus möglich waren, und dazu und dadurch die proletarischen Massen zu sammeln und zu organisieren. Grosse Verbände und Parteien sind auch geschaffen worden; aber inzwischen entartete der Kampf für Verbesserungen stets mehr in ein Streben und Haschen nach Reformen um jeden Preis, zu einem Betteln und Kompromisseln mit der Bourgeoisie, zu einer beschränkten Politik der nächsten kleinen Vorteile, die auf die großen Interessen der ganzen Klasse nicht mehr achtete und den Klassenkampf selbst aufgab. Unter dem Einfluss der gewaltigen Prosperität, die das schlimmste Elend der Arbeitslosigkeit stark einschränkte, trat in einem Teil des Proletariats ein Geist der Zufriedenheit, der Gleichgültigkeit gegen allgemeine Klasseninteressen auf. Der Reformismus beherrschte die Sozialdemokratie immer mehr und zeigte die Entartung und den Zerfall der alten Methoden an, gerade zu einer Zelt, als neue Aufgaben an das Proletariat herantraten.

Der Kampf gegen den Imperialismus stellte diese neuen Aufgaben dar. Gegen den Imperialismus kam man nicht mehr mit den alten Mitteln aus. Man konnte im Parlament seine Erscheinungen (Rüstungen, Steuern, Reaktion, Stillstand der Sozialgesetzgebung) kritisieren, aber beeinflussen konnte man die Politik nicht, da sie nicht von den Parlamenten, sondern von kleinen Gruppen von Personen (in Deutschland der Kaiser mit einigen Adligen, Generälen, Ministern und Bankherren, in England drei oder vier Aristokraten und Politiker, in Frankreich ein paar Bankiers und Minister) gemacht wird. Die Gewerkschaften konnten sich gegen die mächtigen Unternehmerverbände kaum ihrer Haut erwehren; alle Geschicklichkeit der Beamten zerschellte an der granitenen Macht der Kartellherren. An den reaktionären Wahlgesetzen konnte durch Wahlen allein nicht gerüttelt werden. Neue Kampfmittel waren nötig. Die proletarische Masse musste selbst auftreten mit aktiven Kampfmethoden.

Es war im voraus nicht undenkbar, dass die Partei sich diesen neuen Bedingungen und Aufgaben anpasste und ihre Taktik umbildete. Zuerst wäre dazu nötig eine klare Einsicht, ein geistiges Erfassen des Imperialismus, seiner Ursachen, seiner Kraft und seiner Bedeutung. Zweitens musste die Masse selbst in den Kampf geführt werden, wo die Kraft der Parlamente nicht ausreichte. Ein kleiner Anfang wurde gemacht, als in dem Kampf für das allgemeine Wahlrecht in Preußen die Massen so kräftig auf der Strasse auftraten, dass die Parteileitung selbst zurückschreckte vor der Größe der neuen Kämpfe, die auf einmal als nächste Zukunft hervortraten, und von da an zu dämpfen anfing. Eine kleine Gruppe von Linksradikalen suchte die Partei auf diesem Weg der Massenkämpfe weiterzutreiben; einige suchten Verständnis für den Imperialismus zu wecken. Aber die führenden Schichten der Partei, die Leitung, die Parteibürokratie, Kautsky und seine Freunde, traten diesem Streben in den Weg. Für sie war der Imperialismus nur ein von einigen Großkapitalisten genährter bürgerlicher Wahnsinn des Wettrüstens, von dem man die Bourgeoisie durch gute Gründe abbringen müsse. Sie suchten ihr Heil in dem „Zurück zur alten bewährten Taktik“, womit sie vergebens versuchten, den Revisionismus zurückzudrängen. Der neuen revolutionären Taktik stellten sie sich entgegen. Die Bürokratie der Beamten und Führer, die natürlicherweise ihr eigenes Gruppeninteresse an der ruhigen und ungestörten Parteientwicklung mit dem Interesse des Proletariats identifizierte, widersetzte sich mit aller Kraft den „anarcho-syndikalistischen Abenteuern“, in die die „Massenaktionäre“ die Partei stürzen wollten. Geistig und materiell, durch die Presse, die Ämter und das Ansehen beherrschte die Parteibürokratie die Partei. So kam es, dass das aus früheren Verhältnissen überlieferte Parteigebilde nicht fähig war, sich den neuen Aufgaben gemäß umzubilden. Es musste untergehen. Der Ausbruch des Krieges war die Katastrophe. Von den Ereignissen überfallen, betäubt und verwirrt, unfähig zu einem Widerstand, von den nationalistischen Schlagwörtern mitgerissen, ohne geistigen Halt, brach die stolzeste Organisation der Sozialdemokratie als Organ des revolutionären Sozialismus zusammen. Und mit ihr gingen fast alle sozialdemokratischen Parteien Europas, die zumeist schon längst innerlich vom Reformismus zerfressen waren, denselben Weg. In welcher Weise aus diesen Trümmern nachher eine neue Kampfmacht des Sozialismus emporkommen wird, muss der Zukunft überlassen bleiben. Wir können nur aus dem Zusammenbruch der alten Sozialdemokratie die Lehren ziehen, welche Aufgaben des Proletariats harren und in welcher Weise es imstande sein wird, sie zu lösen.

II

Der Kampf des Proletariats gegen den Kapitalismus ist von jetzt an nur möglich als Kampf gegen den Imperialismus; denn eine andere Politik als die imperialistische kennt der moderne Kapitalismus nicht. Der Klassenkampf, der Kampf für den Sozialismus nimmt von jetzt an die Gestalt des Kampfes gegen den Imperialismus an. Aber als solcher bekommt er einen neuen, und zwar einen aussichtsvolleren Charakter. Neue Ausblicke des Sieges zeigen sich; ja, man darf ruhig behaupten, dass erst der Imperialismus die Bedingungen für einen Sieg des Proletariats, für die Herbeiführung des Sozialismus schafft.

Erstens macht der Imperialismus den Klassenkampf intensiver und allgemeiner. Der Imperialismus weckt alle Kräfte, die in der bürgerlichen Welt schlummern, er gibt der Bourgeoisie eine starke Energie und Begeisterung für ihre Weltmachtideale, und das reißt große Massen mit. Das bedeutet zwar zuerst einen Zusammenbruch der Arbeiterbewegung, solange die Arbeiter in den alten Traditionen festsitzen und sich nicht zu der Höhe ihrer Zeit erhoben haben. Aber die Hoffnung des Sozialismus liegt nicht in der Unfähigkeit und Kraftlosigkeit der Bourgeoisie, sondern in der Fähigkeit und Kraft des Proletariats. Druck erzeugt Gegendruck; der Druck und die Energie von oben wecken schließlich Erbitterung, Kampfentschlossenheit, Energie von unten. Im alten Kapitalismus war der Wunsch, es besser zu haben, die Triebkraft des Kampfes; aber Millionen lebten in stumpfer Zufriedenheit weiter; der Wunsch nach Reformen konnte sie nicht zur genügenden Energie emportreiben. Jetzt drückt der Imperialismus ihre Lebenslage herunter, belegt sie mit steigenden Steuern, fordert immer größere Opfer von ihnen, bis zur völligen Vernichtung; jetzt rüttelt die Verschlechterung ihres Lebens sie auf, jetzt müssen sie sich wehren. Es heißt nicht mehr: ich kümmere mich nicht darum, denn ich bin zufrieden — man wird hineingezogen, der Imperialismus greift das Proletariat aktiv an. Und nicht nur die Proletarier; auch die Bauern und Kleinbürger, die sonst nicht allzuviel vom Kapital zu leiden hatten, müssen Gut und Blut für die imperialistischen Ziele des Großkapitals hergeben. Alles wird in den Kampf gezogen, hüben oder drüben, keiner kann sich abseits stellen. Und da der Sozialismus nicht von einem kleinen Kern von Kämpfern inmitten einer unbeteiligten Volksmasse erkämpft und aufgebaut werden kann, sondern nur von dem ganzen Volk, schafft die Verallgemeinerung des Kampfes durch den Imperialismus erst die Bedingungen für den Sozialismus.

Zweitens macht der Imperialismus neue taktische Methoden notwendig. Wenn oft über die Massenaktionen als eine neue Taktik geredet wird, so kommt das nur daher, weil in dem Zeitalter des Parlamentarismus das richtige Augenmaß für die Wirklichkeit verloren ging und der Glaube aufkam, Redensarten einiger Führer könnten eine Klasse zum Sieg bringen. Jede große Umwälzung in der Gesellschaft, jeder Übergang der Herrschaft auf eine neue Klasse war das Werk der Massen, der Klassen selbst, die sich den Sieg erkämpften. Der Parlamentarismus war ausschlaggebend während einer Vorbereitungszeit, als die Klasse erst gesammelt werden musste und nur erst mit Worten gekämpft werden konnte. Sobald genügende Kräfte gesammelt sind zu aktiven Angriffen, kommt die alte Wahrheit wieder zu ihrem Rechte, dass nur die Klasse selbst den Kampf führen kann. Und noch mehr gilt das, wenn neue Verhältnisse, neue gesellschaftliche Nöte die Massen zur Tat aufpeitschen. So wie die französische Revolution zwar eine Folge des Emporreifens der Bourgeoisie und des Vordringens neuer Ideen war, aber ihr Ausbruch gerade in jenen Jahren zugleich eine Wirkung schwerer Not der Massen und gesteigerter politischer Spannung war, so wirkt auch in der proletarischen Revolution das langsame Anwachsen des sozialistischen Gedankens zusammen mit der aufpeitschenden Wirkung bestimmter gesellschaftlicher Ereignisse.

Diese Not, diese Ereignisse werden vom Imperialismus erzeugt, und damit treibt er die Massen zum spontanen Handeln. Die Parlamente können in der Regel nichts tun, wo die Politik der regierenden Klasse gleichsam instinktiv und mechanisch zu den schwersten Bedrängungen oder Feindlichkeiten gegen die Massen führt, zu Teuerung, zu Lohnkürzungen, zu Steuern, zu Arbeitslosigkeit, zu politischer Reaktion, zum Krieg. Da kann nur die Masse selbst was tun. Bleibt sie, verwirrt und unsicher, aktionslos, so helfen alle Proteste im Parlament auch nichts, und wehrlos muss sie alles über sich ergehen lassen. Will sie aber auftreten, dann muss sie als Masse auftreten, durch spontane oder vorbereitete Kundgebungen und Aktionen einen unmittelbaren Druck auf die Regierung ausüben; dieser Druck tritt als neuer politischer Faktor auf, da aus Furcht vor dem weiteren Anwachsen solcher Bewegungen die regierende Klasse ein Interesse daran hat, mehr oder weniger nachzugeben. Wiederholt kam es in den früheren Jahren vor, dass in verschiedenen Ländern ein geplantes Attentat auf das Koalitionsrecht durch eine Aktion der Massen, zum Beispiel einen politischen Streik, verhindert wurde. Wäre das deutsche Proletariat vor drei Jahren gegen die Teuerung oder im vorigen Jahre gegen den Krieg in gewaltigen Massen in Aktion getreten, so hätten sicher die herrschenden Klassen dem mehr oder weniger Rechnung tragen müssen.

Nicht nur gegen solche Nöte und Gefahren bildet die Aktion der Masse das einzige Mittel, das Erfolge ermöglicht, sondern auch wichtige Reformen sind in keiner anderen Weise zu bekommen. In der ersten Zeit des Parlamentarismus wurde manche Reform gewonnen, weil das Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen die herrschende Klasse erschreckte; sie fühlte die Grundlage ihrer Herrschaft wanken. Als sie aber bemerkte, dass es sich nur um ein Wählen, nur um eine oppositionelle Gesinnung handelte, dem keine weiteren Taten folgten, verschwand die Furcht und damit die Reformfreundlichkeit, „Oderint, dum metuant“ gilt auch im Klassenkampf; rot wählen schadet uns nicht, wenn es nur dabei bleibt. Nur aus Furcht, dass sonst die Unzufriedenheit, die Macht, die Rebellion des Proletariats allzusehr wachsen werden, macht die herrschende Klasse Zugeständnisse. Mit dem Imperialismus, der der Bourgeoisie neue Zuversicht und Selbstvertrauen gab, hörten daher die Reformen auf. Kräftigere Mittel, Massenaktionen, sind jetzt nötig, Reformen zu gewinnen; und in Belgien, in Schweden, in Russland hat sich die Macht dieser Aktionsmethode zur Erringung neuer politischer Rechte schon bewährt.

Das bedeutet, dass der Gegensatz zwischen der revolutionären Taktik der Massenaktionen und der unrevolutionären Taktik des Nurparlamentarismus nicht im absoluten Sinne verstanden werden soll. Revolutionär ist alles, was die Macht der Arbeiterklasse vergrößert. Vor dreißig Jahren war daher der Parlamentarismus revolutionär, während damals der Versuch zu rebellischen Aktionen fruchtlos und daher unrevolutionär war. Jetzt wirkt der Parlamentarismus vielfach unrevolutionär, weil er die Macht des Proletariats nicht stärkt, sondern schwächt — aber natürlich kann auch weiterhin ein gut geführter parlamentarischer Kampf eine große revolutionäre Bedeutung haben. Auch jetzt unter dem Imperialismus bleibt die Einheit von Reform und Revolution das Grundprinzip der sozialistischen Taktik; der Kampf für unmittelbare Lebensinteressen des Proletariats, gegen alles, was es bedrückt, ist zugleich der Kampf für den Sozialismus. Der Unterschied gegen früher liegt darin, dass große, wichtige Reformen weiterhin nur mit den großen Mitteln der Massenaktionen errungen werden können. Die Massenaktionen sind die großen entscheidenden Kraftäußerungen des Proletariats, die es gegen die gewaltige Macht des Imperialismus braucht, um nicht zerschmettert zu werden, um sich zu behaupten, um vorwärts zu dringen. — Daneben behalten alle kleineren Mittel des Tageskampfes ihren Wert und ihre Notwendigkeit. Daher wird diese neue Periode des Kapitalismus, die wir das Zeitalter des Imperialismus nennen, zugleich das Zeitalter der Massenaktionen sein.

Wir sehen also, wie der neue Charakter des modernen Kapitalismus einen neuen Sozialismus, eine neue Arbeiterbewegung mit neuem Charakter nötig macht; nötig in dem Sinne, dass nur dadurch ein wirklicher erfolgreicher Kampf gegen ihn möglich ist. Aber dieser neue Kampf fließt nicht nur als unabwendbare Notwendigkeit aus dem neuen Kapitalismus hervor, er bildet auch zugleich den einzigen Weg zur Überwindung der Kapitalherrschaft, den einzigen Weg zum Sozialismus.

Die Herrschaft der Bourgeoisie beruht jetzt, wie die aller früher herrschenden Klassen, auf den großen Machtmitteln, über die sie verfügt. Obgleich sie meist eine Minderheit bildet, verfügt sie über Wissen und Kenntnisse, wodurch sie der Masse der Beherrschten geistig überlegen ist; durch Schule, Kirche, Presse beherrscht die besitzende Klasse das Denken und Fühlen der Massen. Daneben liegt ihre Macht in ihrer kräftigen Organisation. Eine gut organisierte Minderheit kann eine Mehrheit beherrschen, wenn diese nicht organisiert ist, das heißt keinen Zusammenhalt, keine Einheit des Wollens und Handelns besitzt. Diese Organisation der herrschenden Klasse ist die Staatsgewalt, die durch ihr fein verzweigtes organisiertes Beamtenheer überall der zu Atomen zersplitterten Volksmasse als ein Körper mit einheitlichem Willen gegenübersteht. Und wo die daraus fließende gewohnheitsmäßige Autorität bei den Massen verschwindet und diese rebellisch werden, hat der Staat starke materielle Machtmittel zur Verfügung: Polizei, Justiz, schließlich eine gut disziplinierte bewaffnete Armee — was kann die unorganisierte Masse von Einzelpersonen dagegen machen?

Man hat in der Periode des Parlamentarismus oft die Illusion gehegt, man kämpfe mit der Bourgeoisie um die Staatsgewalt, um das Kommando über diesen bestehenden Organismus des Staates, der über die Gesetze gebietet. Die Konsequenz dieser Auffassung war die reformistische Anschauung, an Stelle der kapitalistischen Minister brauchten nur sozialdemokratische zu treten, und wir würden mit vollen Segeln in den Sozialismus hineinfahren. Man könnte demgegenüber die Frage stellen, was sich dann Grosses in der Welt ändert, wenn die Personen der Minister sich ändern? Man kann an die Erfahrung erinnern, dass jeder Sozialdemokrat, der Minister wurde, damit zugleich zum Diener und Sachverwalter der herrschenden Klasse wurde. Aber entscheidend für die Beurteilung dieser parlamentarischen Eroberung der Macht ist die Tatsache, dass die herrschende Klasse überall durch Wahlgesetz und Verfassung eine solche friedliche Besitzergreifung der politischen Herrschaft im voraus unmöglich machen kann. Um sie zu ermöglichen, muss zuerst überall gleiches Wahlrecht erobert werden; und dies ist nur durch ein außerparlamentarisches Auftreten der Massen selbst möglich. Die Eroberung der politischen Herrschaft durch das Proletariat besteht staatsrechtlich aus zwei Teilen: erstens muss die Mehrheit des Volkes für den Sozialismus gewonnen werden, und zweitens muss die Mehrheit über Regierung und Staat zu gebieten haben. Das erste erfordert Propaganda, Agitation, Aktion, die ganz im Rahmen des Parlamentarismus denkbar sind; das zweite bedeutet absolute politische Demokratie, die nirgends vorhanden Ist und mit der friedlichen Agitations- und Gesetzgebungsarbeit des Parlaments auch nicht zu verwirklichen ist. Sie ist nur durch einen Kampf der lassen, durch Massenaktionen zu erringen. Der Schwerpunkt des Kampfes um die politische Herrschaft liegt daher immer mehr in dem Kampf um die politischen Rechte, die den Ausdruck der Herrschaft der Volksmehrheit über den Staat bilden. In diesem Kampfe, wie in dem Klassenkampf überhaupt, setzt die herrschende Klasse die Staatsgewalt mit ihren Machtmitteln gegen das Proletariat in Bewegung. Die Staatsgewalt ist nicht einfach neutrales Objekt des Klassenkampfes, sondern Waffe und Zwingburg der Bourgeoisie, ihre stärkste Stütze, ohne die sie sich nie behauptet hätte. Der Kampf des Proletariats ist daher in erster Linie ein Kampf gegen die Staatsgewalt.

Was ist dabei die Bedeutung der Massenaktionen?

Alle politischen Verhältnisse und Verfassungen werden durch die Machtverhältnisse der Klassen bestimmt. Verfassungsfragen sind Machtfragen. Nur wenn eine aufsteigende Klasse dem Gegner an Macht überlegen ist, kann sie die Herrschaft erobern. Die Frage des Sozialismus ist die Frage des Wachstums der Macht des Proletariats. Die gesellschaftliche Macht des Proletariats besteht in seiner Massenzahl, die durch den Kapitalismus von selbst wächst, in seiner geistigen Kraft — Klassenbewusstsein, revolutionäres Denken, klare Einsicht in das Wesen von Staat und Gesellschaft — und in seiner materiellen oder moralischen Kraft — Organisation, Solidarität, Einheit, Disziplin. — Jetzt sind diese Faktoren alle noch in ungenügendem Maß vorhanden; aber durch ihr Wachstum erhebt sich die Macht der Arbeiterklasse schließlich über die der herrschenden Klasse. Durch ihr Klassenbewusstsein und ihre sozialistische Einsicht macht sie sich geistig von der Bourgeoisie unabhängig und wird geistig stärker als jene; durch ihre Organisation wird sie imstande sein, schließlich den mächtigen Organisationen der Bourgeoisie standzuhalten und fester zu werden als deren Staatsgewalt. Und dieses Wachstum der Machtfaktoren des Proletariats bedeutet zugleich eine Umbildung des ganzen Menschentums aus einer beschränkten einsichtslosen Masse von isolierten egoistischen Individuen zu einer organisierten, von einem gemeinsamen Bewusstsein ihres gesellschaftlichen Wesens geleiteten Menschheit, die dadurch erst fähig wird, selbst ihre Produktion und ihr Gesellschaftsleben zu leiten und bewusst zu gestalten. Dasselbe Wachstum an Macht, das das Proletariat befähigt, die Herrschaft der Bourgeoisie umzustürzen, macht es zugleich reif zum Sozialismus.

Was bewirkt dieses Wachstum? Der Klassenkampf. Alle Kämpfe, mögen sie direkt Siege oder Niederlagen bringen, bauen an der Macht des Proletariats mit, bald durch Klärung der Einsicht, bald durch Stärkung der Organisation, bald durch Aufräumung hemmender Traditionen. Die Bedeutung des Parlamentarismus in der verflossenen Periode besteht darin, dass er die ersten Anfänge der proletarischen Macht aufgebaut hat, sozialistische Einsicht gebracht, Organisationen zu schaffen geholfen hat, die Massen etwas aufgerüttelt und zugleich das moralische Ansehen der Staatsgewalt abgebröckelt hat. Das war nicht genug zur Eroberung der Herrschaft, aber genug, um Massenaktionen möglich zu machen. Die Massenaktionen werden das Mittel sein, die Macht des Proletariats weiter, bis zur höchsten Stufe zu steigern und zugleich die Macht der Staatsgewalt zu vernichten.

In den Massenaktionen, unter denen der Massenstreik die gewaltigste Form ist, treten die stärksten Machtmittel der beiden Klassen einander gegenüber. Durch ihre moralische und geistige Kraft, ihre Organisation, ihre Gewalt sucht der Staat die Aktion der Massen zu verhindern oder zu brechen, um ihr nicht nachgeben zu brauchen. Durch Pressezensur, Lügennachrichten, Belagerungszustand, Verhaftungen, Flintensalven, Verhinderung jeder Verständigung miteinander sucht die Behörde die Arbeiter zu entmutigen, einzuschüchtern und zu spalten. Es hängt dann von dem festen, klaren Wissen, der unzerbrechlichen Geschlossenheit und Disziplin der Massen ab, ob das gelingt. Gelingt es, dann ist das eine Niederlage der Arbeiter, die nachher mit neuer Kraft dasselbe wieder versuchen müssen. Wenn es aber nicht gelingt, so muss die Regierung mehr oder weniger nachgeben, so hat das Proletariat einen Erfolg errungen, ist seine Kraft neu gewachsen und hat die Macht des Staates einen Stoss bekommen. Bei einem Massenstreik kann die ganze Organisation des Staates zeitweilig aus den Fugen gehen und kann ihre Funktion zeitweilig auf Organe des Proletariats übergehen; was 1905 in Russland geschah, wird in Zukunft in Westeuropa in viel riesigerem Maßstab auftreten. Damit hat dann die Organisation des Proletariats — wenigstens zeitweilig — ihre Überlegenheit über die Organisation der Bourgeoisie gezeigt. Wird Militär gegen die Massen angewandt, so kann das zeitweilig einen Sieg der Regierung bedeuten, aber damit fängt zugleich die Disziplin an, sich zu lockern, und fällt schließlich dieses stärkste Machtmittel der herrschenden Klasse aus den Händen. Natürlich kann ein gewonnener Vorteil wieder verloren gehen; Siege und Niederlagen werden miteinander wechseln; aber auf die Dauer muss dabei die Einsicht, die Organisationsmacht, die revolutionäre Energie der Massen stets steigen, die Macht der Staatsgewalt sinken. Soll das Proletariat und damit die Gesellschaft überhaupt nicht zugrunde gehen, so ist nur ein Ausgang des Kampfes möglich: Die im Kampfe wachsende Festigkeit der proletarischen Solidarität und Organisation zerbricht in Massenaktionen die Machtmittel und die Organisation des Staates. Damit fällt die politische Herrschaft in die Hände des Proletariats, und es kann daran gehen, die Organe zu schaffen, die für die neue Regelung der Produktion nötig sind.

Das ist die historische Bedeutung der Massenaktionen: sie werden durch den schweren Kampf der Klasse selbst das Proletariat reif zum Sozialismus machen und es befähigen, die Herrschaft der Bourgeoisie zu vernichten. Das ist die historische Bedeutung des Imperialismus: er wird die Arbeiterklasse zwingen, diesen Kampf mittels Massenaktionen zu beginnen und den Weg zur Freiheit einzuschlagen.

Ein neuer Abschnitt des proletarischen Befreiungskampfes bricht an. Jetzt erst steigt dieser Kampf zu der Höhe seiner großen Ziele; gegen die gewaltigste Macht eines riesig wachsenden Kapitalismus und einer kampfkräftigen energischen Bourgeoisie muss die ganze Macht des Proletariats aufgeboten werden, muss die millionenköpfige Masse selbst auftreten, den Blick nicht mehr auf die enge Arbeitssphäre und die kleinen Verbesserungen, sondern auf den großen Weltkampf der Klassen gerichtet, durch Not und Leid zu energischen Taten aufgepeitscht, das Herz voll Begeisterung, die Seele voll revolutionärer Energie. Eine neue Internationale wird emporwachsen, gegen die Klassengenossen jenseits der Grenze nicht mehr bloß mit brüderlicher Gesinnung erfüllt, die sofort vor der nationalen Leidenschaft der Machthaber zusammenbricht, sondern bereit ist, mit den anderssprachigen Proletariern gegen die eigene kriegslüsterne Bourgeoisie zu kämpfen.

Wir stehen jetzt erst inmitten der Trümmer der alten Internationalen, des alten Sozialismus; wir sehen erst in weiter Ferne, gleichsam nur theoretisch, wie es werden muss und wird; können wir vielleicht schon in dem, was heute geschieht, die Anfänge der neuen Entwicklung bemerken? Sehen wir die neue Arbeiterbewegung, die neue Internationale schon aus der alten aufwachsen?

Es ist schon oft gesagt worden, dass nach dem Krieg eine Spaltung in den sozialistischen Parteien eintreten müsse. Diejenigen, die sich an die Seite des Imperialismus geschart haben, die mit ganzem Herzen mit der Bourgeoisie für die „nationale“ Sache zusammengingen — wie Scheidemann, Heine, Lensch, Vaillant, Sembat, Plechanow, die Liquidatoren, Tillett — sie alle, was auch ihre früheren Verdienste für die Arbeiterbewegung sind, sie werden nicht mehr mit den entschiedenen Kämpfern gegen den Imperialismus zusammenbleiben können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Allerdings hat der Reformismus schon seit langem mit der Bourgeoisie, mit der Kolonialpolitik, mit dem Imperialismus zusammengehen wollen; der Krieg, der den Imperialismus als den größten Feind der Arbeiterklasse enthüllt, macht also bloß klar, dass Reformisten und Revolutionäre, die währen der Periode der kleinen Reformen zusammenbleiben konnten, nicht mehr zusammengehören, sondern Todfeinde sein müssen. Aber mit der Masse der deutschen Partei und ihren führenden Kreisen — von denen Kautsky der literarische Vertreter ist — steht es anders. Sie sind keine Freunde des Imperialismus, sondern Feinde; sie sind nicht in den Krieg mitgegangen aus imperialistischer Gesinnung und klarem nationalem Bewusstsein, sondern weil sie durch die Losung des Verteidigungskrieges übertölpelt wurden, teils weil sie an der alten Ideologie der Vaterlandsverteidigung hielten, also aus Unwissenheit und Philisterhaftigkeit, weil sie nicht zu kämpfen wussten und nicht zu kämpfen wagten gegen die herrschende Klasse. Hier besteht also Aussicht auf einen Umschlag der Stimmung, die zu einem großen Teil auch schon bemerkbar ist, und dasselbe gilt für den besten Teil der französischen Arbeiter, sowohl unter denen, die vorher zu den Sozialdemokraten wie unter denen, die zu den Syndikalisten zählten. Es ist denkbar, dass diese Massen und ihre Vertreter stets schärfer gegen die Bourgeoisie und den Krieg auftreten werden. Ist damit nicht die Hoffnung gegeben, dass die Mehrheit, die größte oder doch ein sehr großer Teil der früheren Sozialdemokratie sich zu einem energischen Kampf gegen den Imperialismus aufraffen wird, durch die harte Erfahrung belehrt, sich wehrbar machen und die neuen taktischen Methoden anwenden wird und so aus den Trümmern der alten die neue Internationale aufbauen wird?

Diese Frage ist von außerordentlicher Wichtigkeit, und mit Sicherheit ist hier nichts vorauszusagen. Aber doch sind einige wichtige Gründe anzuführen, die eine andere Zukunft wahrscheinlich machen. Sie liegen in dem ganzen Wesen einer großen, ausgebauten Partei, von der die deutsche Sozialdemokratie das Muster ist. Sie ist eine festgefügte Riesenorganisation, die fast wie ein Staat im Staate lebt, mit eigenen Beamten, eigenen Finanzen, eigener Presse, mit einer eigenen geistigen Welt, einer eigenen Ideologie (dem Marxismus). Der ganze Charakter dieser Organisation ist der ruhigen vorimperialistischen Zeit angepasst; und die Träger dieses Charakters sind die Beamten, die Sekretäre, die Agitatoren, die Parlamentarier, die Theoretiker und Schriftsteller, die mit ihrer mehrere Tausende umfassenden Anzahl schon eine eigene Kaste, eine Gruppe mit eigenen Interessen bildet und dabei die Organisation völlig beherrschen, geistig und materiell. Es ist kein Zufall, dass sie alle, mit Kautsky an der Spitze, von einem wirklichen scharfen Kampf gegen den Imperialismus nichts wissen wollen. Ihr ganzes Lebensinteresse widersetzt sich der neuen Taktik, die ihre Existenz als Beamten gefährdet. Ihre ruhige Arbeit in Büros und Redaktionen, in Konferenzen und Ausschusssitzungen, in dem Schreiben gelehrter und nicht gelehrter Artikel gegen die Bourgeoisie und gegeneinander — dieses ganze friedlich-geschäftige Treiben wird durch die Stürme des imperialistischen Zeitalters bedroht. Kautskys Theorie und Taktik ist ein Versuch, diesen ganzen bürokratisch-gelehrten Apparat in den kommenden gesellschaftlichen Revolutionen gegen Schädigungen sicherzustellen. Er ist in der Tat nur zu retten, indem er außerhalb des wüsten Lärms, außerhalb des revolutionären Kampfes, also außerhalb des wirklichen großen Lebens gestellt wird. Befolgte die Partei und die Leitung die Taktik der Massenaktionen, so würde die Staatsgewalt sofort die Organisationen — die Grundlage ihrer ganzen Existenz und Lebenstätigkeit — angreifen und vielleicht zerstören, die Kassen konfiszieren, die Führer verhaften. Natürlich wäre es eine Illusion, wenn sie glaubt, damit die Kraft des Proletariats gebrochen zu haben: die Organisationsmacht der Arbeiter besteht nicht in der äußeren Form der Verbandskörper, sondern in dem Geist des Zusammenhaltens, der Disziplin, der Einheit, und damit würden die Arbeiter neue, bessere Formen der Organisation schaffen. Aber für die Beamten wäre es das Ende, denn jene Organisationsform ist für sie ihre ganze Welt, ohne die sie nicht bestehen und wirken können. Der Selbsterhaltungstrieb, das Gruppeninteresse ihrer Zukunft, muss sie daher zu der Taktik zwingen, dem Imperialismus auszuweichen und ihm nachzugeben. Was vor dem Krieg und bei Kriegsausbruch geschah, ist daher kein anormaler Zufall. Sie sagen — wie schon so oft — dass solche gefährlichen Massenkämpfe die Organisation zugrunde richten werden und daher nicht mutwillig heraufbeschworen werden dürfen. Die von ihnen beherrschte Organisation wird daher den Kampf gegen den Imperialismus nicht entscheiden, aber mit aller Macht führen. Ihr Kampf wird ein Kampf mit Worten sein, mit Anklagen, Bitten und Beschwörungen, ein Scheinkampf, der jede Tat des Kampfes vermeidet. Den besten Beweis dafür liefert eben Kautsky, der, nachdem er nach langem Schwanken den Kampf mit dem Sozialimperialismus begann, gleichzeitig die Straßenkundgebungen der Arbeiter ein „Abenteuer“ nennt. Also in Worten gegen den Imperialismus, aber nur keine Taten wagen!

Daher ist kaum anderes zu erwarten, als dass auch weiterhin die bisherige Parteibürokratie von einem revolutionären Kampf gegen den Imperialismus nichts wissen will. Sie wird den Kampf auf kleine Streitereien in Parlament und Presse beschränken wollen, auf lange Redensarten über kleine Fragen, auf gewerkschaftlichen Kleinkampf. Trotzdem die Reformisten Freunde und die Zentrumsradikalen Gegner des Imperialismus sind, werden sie doch auf der gemeinsamen Linie des Nurkritisierens und Nichtkämpfens zusammenbleiben können. Sie werden versuchen, die Partei zu einer bürgerlichen Reformpartei, zu einer Arbeiterpartei nach englischem Muster, nur mit einigen sozialistischen Phrasen, die die Tagesinteressen der Arbeiter energisch vertritt, aber keinen großen revolutionären Kampf führt, umzuwandeln suchen.

Die Aufgabe, den Arbeitern die Bedeutung und die Notwendigkeit der Massenaktionen gegen den Imperialismus zu zeigen und bei jedem Anlass aufklärend, helfend und führend voranzugehen, fällt den revolutionären Sozialdemokraten zu. Wenn aber diese neue Taktik nur von Minderheiten oder kleinen Gruppen propagiert wird, die noch keine Massen hinter sich haben, während die großen Massenparteien nichts davon wissen wollen — wird dann eine Massenaktion, die ohne Massen nicht denkbar ist, nicht zur Utopie? Dieser Widerspruch beweist nur, dass die Massenaktionen nicht möglich sind als bewusste planmäßig vorbereitete und geleitete Aktionen der sozialdemokratischen Partei, wie sie die äußerste Linke in Deutschland in den Jahren vor dem Kriege propagierte. Sie werden als spontane Aktionen kommen, aus den Massen hervorbrechend, wenn diese durch Not, Elend und Empörung aufgepeitscht werden, bald als ungewollte Folge eines von der Partei geplanten kleinen Kampfes, der die Dämme überflutet, bald gegen den Willen und die Beschlüsse der Organisationen „disziplinwidrig“ losbrechend, aber dann, wenn sie mächtig anschwellen, diese Organisationen selbst mitreißend und sie zu einem zeitweiligen Zusammengehen mit den revolutionären Elementen zwingend. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei einiger Dauer des Krieges so etwas schon bald stattfinden könnte; die Symptome sind schon erkennbar.

In den vor uns liegenden Zeiten werden daher die vorhandenen Organisationen (Partei und Gewerkschaft) voraussichtlich, ihrem ganzen Wesen nach, aber in Widerspruch zu den Zielen und Aufgaben der proletarischen Massen, vor allem eine hemmende Rolle spielen. Wenn aber die neue Taktik sich stets mehr durchsetzt und in großen Massenkämpfen die Macht des Proletariats sich allmählich erhebt, werden sie dazu nicht mehr fähig sein. Dann werden die starren, festen Körperschaften von Partei und Gewerkschaft stets mehr zu einem untergeordneten Teil innerhalb der breiten Klassenbewegung und größeren Klassenorganisation werden, die die Massen nicht durch Mitgliedsbuch, sondern durch Gemeinschaft des Klassenziels zu einer machtvollen Kampfgemeinschaft zusammenbindet.


Source :

— Der Vorbote. Internationale Marxistische Rundschau. Herausgeber Anton Pannekoek und Henriette Roland Holst, 1. Jg. (1916), S. 7-19.

— 
Abgedruckt in A. Pannekoek, H. Gorter: „Organisation und Taktik der proletarischen Revolution“, Herausgegeben und eingeleitet von Hans Manfred Bock, Archiv sozialistischer Literatur 11, Verlag Neue Kritik, Frankfurt a.M., S. 88-101.


— Transkription: J.L. Wilm für das Marxists’ Internet Archive. Zuletzt aktualisiert am 19.02.2008.

— Typo Korrekturen und HTML-Markierung: Smolny, 2013.