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MEHRING Franz (1914) : Ein Protest
Artikel «Vorwärts» Nr. 250 vom 15. September 1914
[24. November 2014] : von eric

Protest Franz Mehrings vom 12. September 1914 gegen die Versuche rechter Sozialdemokraten, ihre Haltung durch demagogische Berufung auf Friedrich Engels zu rechtfertigen

Ein Protest

In der heutigen Nummer des „Vorwärts“ ist die tief betrübende Tatsache erwähnt worden, daß die sozialdemokratischen Parteien in den neutralen Ländern über die Haltung der Sozialdemokratie in dem gegenwärtigen Weltkriege ungünstig urteilen. Es ist gewiß geboten, daß der „Vorwärts“ aus leicht begreiflichen Gründen auf eine Diskussion darüber verzichtet, und eine Diskussion soll auch nicht im entferntesten mit diesen Zeilen versucht, sondern es soll nur aus einem bestimmten Anlaß die Pflicht der deutschen Sozialdemokratie betont werden, alles zu vermeiden, was das ungünstige Urteil der ausländischen Schwesterparteien bestätigen könnte.

Der deutsche Parteivorstand hat sich in seiner Antwort auf den Aufruf, den das Exekutivkomitee des Internationalen Sozialistischen Büros an das deutsche Volk erlassen hat [1], in den Grenzen einer notgedrungenen Abwehr gehalten, zumal durch den Satz, daß für eine fruchtbringende Auseinandersetzung über die Haltung der einzelnen Mächte in den Tagen vor dem Kriegsausbruch ein Beweismaterial nirgends lückenlos vorliege. Jedoch überschreitet ein Teil der Parteipresse die gebotenen Grenzen, indem er die Antwort des Parteivorstandes durch einige Sätze zu verstärken sucht, die er aus einem Artikel herausreißt, den Friedrich Engels vor mehr als zwanzig Jahren in der „Neuen Zeit“ veröffentlicht hat [2]. Diese Sätze sollen auf die heutige Situation bis auf die letzte Silbe zutreffen und die Taktik der Sozialdemokratie in dem gegenwärtigen Weltkriege vollkommen rechtfertigen.

Gegen diese Beweisführung muß der entschiedenste Protest erhoben werden. Was Engels für den Fall eines gleichzeitigen französischen und russischen Krieges mit Deutschland erwartete und wünschte, hat er seit dem Jahre 1859 wiederholt in unzweideutigster Weise ausgesprochen. Heute läßt es sich aus den bekannten Gründen nicht einmal andeutungsweise wiederholen. Man kann nur soviel sagen, daß die Voraussetzung, aus der Engels seine Schlußfolgerungen zog, heute nicht nur nicht bis auf die letzte, sondern nicht einmal bis auf die erste Silbe zutrifft, vielmehr das gerade Gegenteil des Zustandes ist, wie er gegenwärtig besteht. Das würde sofort auch dem oberflächlichsten Leser einleuchten, wenn es möglich wäre, den oder die Artikel von Engels in ihrem vollen Wortlaut zu veröffentlichen.

Da dies unmöglich ist, so soll man auch darauf verzichten, mit Sätzen zu operieren, die aus dem gedanklichen Zusammenhange dieser Artikel herausgerissen sind. Tun wir es dennoch, so dürfen wir uns nicht beschweren, wenn unsere Gesinnungsgenossen im Auslande, mit gleichem Recht oder Unrecht, ebenfalls durch herausgerissene Sätze aus denselben Artikeln ihre Behauptung zu erweisen suchen, daß die deutsche Sozialdemokratie den Forderungen eines weltgeschichtlichen Augenblicks nicht gerecht zu werden verstanden hat.

Es gibt des Traurigen genug in dem vorläufigen Zusammenbruch der Internationale, als daß wir uns einen ebenso unfruchtbaren wie widerwärtigen Streit nicht ersparen sollten.

Steglitz-Berlin, 12. September 1914

F. Mehring


Quellen :

— „Vorwärts“, Nr. 250 vom 15. September 1914 ;

— Dokumente und Materialen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1, Juli 1914 — Oktober 1917, Berlin, Dietz Verlag, 1958, S. 32-33 ;

— Transkription und HTML-Markierung: Smolny, 2014.

[1] [Anmerkung des Herausgeber] Am 9. September 1914 gab der Vorstand der SPD eine Erklärung ab, in der er einen in der ausländischen Presse ohne vorherige Absprache mit ihm veröffentlichten Aufruf des Exekutivkomitees des Internationalen Sozialistischen Büros und des Vorstandes der französischen sozialistischen Partei an das deutsche Volk als einseitig, im Sinne der französischen Regierung gehalten, zurückwies. Siehe „Vorwärts“, Nr. 247 vom 10. September 1914.

[2] [Anmerkung des Herausgeber] Gemeint ist „Der Sozialismus in Deutschland“; „Die Neue Zeit“, X. Jahrgang (1891/92), Bd. I, S. 580-587.