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SPD Württembergs (1914) : Bericht über eine öffentliche Versammlung mit Karl Liebknecht
«Die Vorgänge in der Schwäbischen Tagwacht und ihre Ursachen», 1914.
[26. März 2015] : von eric

Bericht über die Sitzung der sozialdemokratischen Vertrauensmänner Stuttgarts vom 21. September 1914, in der Karl Liebknecht zur Haltung der SPD am 4. August 1914 Stellung nahm

[...] Am 18. September fand wieder eine Sitzung des Städtischen Komitees statt, aus der folgendes bemerkenswert ist: Westmeyer schlug vor, eine öffentliche Versammlung mit Karl Liebknecht als Referenten abzuhalten. Ich habe, so führte er aus, Gelegenheit gehabt, mit dem Genossen Liebknecht, der auf der Durchreise mit mir zusammentraf, darüber zu sprechen. Er teilte mir zunächst mit, daß die so vielgepriesene Einigkeit in der Fraktion keineswegs vorhanden gewesen sei. 14 Genossen hätten schärfsten Protest erhoben gegen die Zustimmung zu den Kriegskrediten, darunter auch Haase. Es sei aber Fraktionszwang beschlossen worden, und dem hätten sich diese dann unterworfen. Ich hätte mich in einem solchen historischen Moment nicht dem Fraktionszwang gefügt. Genossen, es muß eine Fahne aufgerichtet werden, um die sich unsere Mitglieder sammeln können. Stuttgart bedeutet in der Partei ein Programm. Wir sind in Stuttgart mehr als einmal vorangegangen. Wir brauchen nicht zu warten, bis von andern Städten in dieser Richtung vorgegangen wird. Genosse Liebknecht wäre bereit, über das Thema „Gegen die Annexionshetze“ zu sprechen. Die Anberaumung dieser Versammlung, auf deren Abhaltung Westmeyer auf Vorstellung der Stadtdirektion später verzichtete, ist sodann mit 9 gegen 7 Stimmen beschlossen worden...

Dafür fand am 21. September eine Stuttgarter Vertrauensmännersitzung statt, welcher der zur Versammlung nach Stuttgart gekommene Genosse Karl Liebknecht anwohnte. In dieser Sitzung wurde vornehmlich über die Haltung der Reichstagsfraktion debattiert. Westmeyer führte hierzu u. a. aus: Mir macht es den Eindruck, als ob sich die Genossen mit Freuden haben einseifen lassen. Die Aufgabe der Fraktion wäre es gewesen, den Krieg zu verhindern. Wenn wir der Regierung Schwierigkeiten bereitet hätten, so hätte dies im Ausland einen großen Eindruck gemacht, es wäre immerhin fraglich gewesen, ob sich nicht doch noch Mittel und Wege hätten finden lassen, die diesen Weltbrand verhindert hätten... [1] Wäre es der Internationale möglich gewesen, den Krieg zu verhindern? Ich behaupte es! Wenn in Deutschland nur 500 000 Arbeiter in den Generalstreik eingetreten wären, dann hätte sich die Regierung das Gefahrvolle des Krieges wohl noch einmal überlegt. Die Radikalen haben seit Jahr und Tag darauf verwiesen, daß der Krieg kommen werde. Wie hat man uns aber ferngehalten, den Massenstreik zu propagieren. Die Regierung hat sich mit dem Parteivorstand in Verbindung gesetzt, ob im Falle des Krieges der Massenstreik Anwendung finden werde. Auch haben Verhandlungen zwischen dem Parteivorstand und der Regierung stattgefunden wegen der Kriegskreditbewilligung. Die Partei ist verkauft und verraten worden.

Dann nahm auch Karl Liebknecht das Wort und schilderte die Vorgänge in der Sitzung der Reichstagsfraktion im einzelnen. Er sagte dabei u. a.: Der Kampf sei in der Fraktion ein sehr heftiger gewesen, eine so stürmische Sitzung habe die Fraktion noch nicht gehabt. Man habe sich beinahe geprügelt; ja, er könne sagen, es sei tatsächlich so weit gekommen. Ich bin, so führte er weiter aus, aus freien Stücken hierhergekommen, um hier und an anderen Orten mit den Parteigenossen Fühlung zu nehmen und für die Wiederaufrichtung der Internationale zu wirken. Die Arbeit, die nun zu leisten ist und zu der ich Sie auffordere, ist nicht leicht. Erschwert wird sie uns besonders dadurch, daß wir uns in Opposition gegen die offizielle Parteiorganisation stellen müssen... [2]


Quellen :

— „Die Vorgänge in der Schwäbischen Tagwacht und ihre Ursachen“, Herausgegeben vom Landesvorstand der Sozialdemokraten Württembergs, Nachlass Kurt Schimmel, SPD-Politiker (1879-1967), Druck Schwäbische Tagwacht GmbH., Stuttgart (1914), S. 12, 14-15.

— Dokumente und Materialen zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Bd. 1, Juli 1914 — Oktober 1917, Berlin, Dietz Verlag, 1958, S. 32-33 ;

— Transkription und HTML-Markierung: Smolny, 2015.

[1] Auslassung im Original.

[2] Über die bedeutsame Versammlung vom 21. September 1914, die hier nur nach der Schilderung der von den württembergischen Sozialpatrioten veröffentlichten Broschüre wiedergegeben ist, berichtet Jacob Walcher, ein Teilnehmer dieser Versammlung, ergänzend, daß in der Diskussion die Genossen an der Haltung der Reichstagsfraktion heftige Kritik übten und offen aussprachen: „...es sei ihnen unverständlich, warum sich Liebknecht gefügt habe und weshalb er und die anderen nicht gegen die Kriegskredite gestimmt und so wenigstens in etwa die Ehre der deutschen Sozialdemokratie gerettet hätten. Nach ihrer Auffassung habe die Minderheit dadurch, daß sie in historischer Stunde versagte, eine schwere Schuld auf sich geladen und der Sache des Friedens und des revolutionären Sozialismus kaum wiedergutzumachenden Schaden zugefügt. Im Schlußwort erklärte Karl Liebknecht: ...Hier in Stuttgart werde ihm nun zum erstenmal vorgeworfen, daß er nicht radikal und entschieden genug gewesen sei. Die hier geäußerten Worte hätten ihn im Innersten erschüttert und erfreut. Die Kritik an der Minderheit und an ihm persönlich sei völlig berechtigt... Er fügte hinzu: ,Ihr habt völlig recht, wenn ihr mir zum Vorwurf macht, daß ich es versäumt habe — wenn auch nur als einzelner —, mein Nein in den Sitzungssaal hineinzuschreien und so der ganzen Welt kundzutun, daß das Gerede von der Einstimmigkeit des Deutschen Reichstags und des deutschen Volkes eine Lüge ist. Ich habe mich eines schweren Fehlers schuldig gemacht, dessen Tragweite im Moment vielleicht noch nicht einmal voll zu ermessen ist. Es bleibt mir nur übrig, euch zu versprechen, daß ich in Zukunft einen kompromißlosen Kampf gegen den wilhelminischen Krieg und die Kaisersozialisten führen werde.’“ (Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin, Archiv.)